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"Death Road"

Zuerst einmal, vielen herzlichen Dank an Martin & Ruth Zutter für eure edle Spende. Mit eurem Beitrag zu einem Benjoli Day entschieden wir uns für den Besuch der Death Road. Und eines vorneweg; wir haben sie bezwungen und überlebt.

 

Wir gehen die Strasse nicht im Auto oder zu Fuss runter, das wäre viel zu langweilig (obwohl Joli es sich lange überlegt ob sie nicht einfach gemütlich im Bus hinterher tuckern und die Aussicht geniessen soll) ... Nein, wir machen diesen spektakulären Höllenritt (Joli: «Höllenritt ist definitiv die richtige Bezeichnung!!!») mit dem Mountainbike. Bis ins Jahr 2006 verloren Schätzungen zufolge jährlich zwischen 200 - 300 Personen ihr Leben. Der schlimmste Unfall war ein Zusammenprall und Absturz eines Personenbusses mit einem Lastwagen, welcher über 100 Tote auf einmal forderte.

 

Seit 2006 gibt es eine asphaltierte neue Strasse (Bauzeit 20 Jahre), so dass die Todesstrasse praktisch nur noch mit Mountainbikes, als Touristenattraktion, befahren wird. Leider ist die neue Strasse regelmässig aufgrund von Erdrutschen unpassierbar, womit der Verkehr zeitweise wieder auf die alte Strasse umgeleitet wird. Und auch Biker sind auf der dieser Strasse bereits ums Leben gekommen, denn der Run auf die Death Road begann bereits in den 1990er Jahren. Seit 1998 sind rund 18 Biker verunglückt.

 

Von den unzähligen Agenturen, die das Mountainbike Abenteuer anbieten, entscheiden wir uns für Barracuda Biking. Aufgrund der letzten Erfahrungen mit Tour Agenturen (4x4 Jeep Tour nach Bolivien) halten wir den Rechercheaufwand klein und vergleichen lediglich zwei Anbieter.

 

Tag X ist da. Am Morgen um 06:00 ist die Besammlung im Restaurant "Little Italy" um gemeinsam zu Frühstücken. Leider ist die zuständige Person nicht im Restaurant und die anwesende Bedienung hat scheinbar weder die Kompetenz alleine eine Bestellung aufzunehmen, noch einen Tee zuzubereiten. Um 6:30 ist die Abfahrt vorgesehen und jetzt erscheinen auch die Guides und holen die 6 angemeldeten Personen ab. Dummerweise sitzen aber 8 Personen an den Tischen und somit geht das nervöse umorganisieren los. Joli geht in der Zwischenzeit nach ihrem Frühstück fragen, welches vergessen ging und in der Sekunde als wir aufbrechen serviert wird. Der Tag fängt ja schon mal gut an. Nun denn, so müssen wir halt ohne Frühstück und mit Umweg zum Agenturbüro (zwei Bikes holen) für knapp zwei Stunden im Minibus auf 4700 Meter hoch fahren wo unsere Tour endlich beginnt.

 

Unterwegs erhalten wir die ersten Infos zum Tagesablauf. Zudem wird hier ausdrücklich darauf hingewiesen das hier kein Rennen stattfindet, sondern strickte Verhaltensregeln gelten, damit es auch beim Spass bleibt. Am höchsten Punkt angekommen ist es nun richtig kalt und die Luft ist dünn. Unsere Guides weisen darauf hin, dass sich für den Fall von Schwindel und Kopfschmerzen eine Sauerstoffflasche im Begleitfahrzeug befindet. Zudem ist es jederzeit möglich das Bike aufs Dach zu verladen und im Auto mit zu fahren (wie verlockend denkt Joli). Bereits dick eingepackt erhalten wir dann zusätzlich noch Helm, Handschuhe, Überhose und Jacke sowie unsere Bike's und weitere Instruktionen.

 

Bevor es los geht, macht ein kleines Fläschchen mit 98% Alkohol die Runde. Dabei giesst jeder einen Schluck auf die Erde (für Pachamama – Mutter Erde), den Vorderreifen (gegen Unfälle und Pannen) und in den Mund (für Mut und Stärke). Dann geht es bei dickem Nebel auf normaler, asphaltierter Strasse los. Ein Guide fährt voraus und einer bildet, dicht gefolgt vom Begleitfahrzeug, das Schlusslicht. In Abständen von 10-20 Minuten werden immer wieder kurze Pausen eingelegt, wo alle aufeinander warten, bis die ganze Gruppe komplett ist und vor allem die Sicht geniessen. Denn während der Fahrt haben beide Augen auf der Strasse zu sein.

 

Es ist saukalt und alle tasten sich an die Bikes heran. Trotz dem dicken Nebel und den Leitplanken kann man vereinzelt den Abgrund der Strasse sehen. Nach dem wir nach einer Stunde im Nebel und teilweise bei Regen die ersten 21 km zurück gelegt haben,  legen wir eine grössere Pause ein. Hier gibt es heissen Kaffee und Schoggi; ideal um die kalten, durchgeweichten Körper etwas auf zu wärmen. Joli’s Begeisterung hält sich in Grenzen. Es ist kalt, nass und die Sicht auf den ersten Kilometern war aufgrund des Nebels und des Regens eine Katastrophe! Und das schlimmste ist: die mühsame Strasse (nicht asphaltiert und voller Steine) kommt jetzt erst.

Nun werden die Bikes aufs Autodach verladen, damit wir die nächsten 8km den Berg hoch im Auto fahren können, denn die Bikes sind so gut gefedert, dass aufwärts fahren zur Tortur würde. Während der Fahrt gibt es Sandwiches und Chips. Eine Aufmunterung für Joli, die ihr Frühstück zurück lassen musste.

 

Wir verlassen die asphaltierte Strasse und biegen rechts in die "Death Road" ein. Hier herrschen nun spezielle Verkehrsregeln. Das aufwärts fahrende Fahrzeug fährt immer bergseitig, das heisst konkret wir fahren mit unseren Bikes immer auf der Aussenseite der Strasse - Linksverkehr. Es gibt nun keine Leitplanken mehr, dafür grosse Steine auf der Schotterpiste und Abgründe, welche keine Höhenangst zulassen. Anfangs ist die 33km lange Strasse noch relativ breit, das wird sich aber später noch drastisch ändern. Der Nebel ist ein wenig zurück gegangen, so dass man die wahnsinnige Landschaft und vor allem die Abgründe ab und zu geniessen kann.

 

Obwohl es eine neue, asphaltierte Strasse gibt, nutzen immer noch einige die alte Strasse, daher kommt es einige Male vor das wir Autos oder Minibusse kreuzen müssen oder in Joli’s Fall überholt werden. Wir sind mittlerweile etwa 2000 Höhenmeter tiefer und spüren wie das Klima milder wird. Unsere Guides sind richtig cool, sie machen keinen Druck und jeder kann sein Tempo fahren - sogar Joli, die gemäss Beni so langsam fährt, dass er sich wundert wie sie sich überhaupt auf dem Bike halten kann. Die Guides machen unterwegs und bei den Stopps jede Menge Fotos und geben sich viel Mühe viele coole Fotos und Videos von der Gruppe und den einzelnen Fahrern zu machen. Joli sagt: «Der Vorteil, zu hinterst zu fahren ist, dass ich immer einen Guide hinter mir habe und es somit von mir am meisten und aufgrund der Geschwindigkeit die schärfsten Fotos gibt – *haha*!

 

Die Bike's und die Sicherheitsvorkehrungen sind ebenfalls top. An jedem kurzen Stopp erhalten wir von einem Guide nützliche Hinweise zu Kurven und Strassenzustand, während der andere an sämtlichen Bike's Bremsen und Luftdruck kontrolliert. Nach etwa drei Stunden Fahrt, stoppen wir kurz vor der schwierigsten Passage der gesamten Strasse. Hier können Autos nur noch an bestimmten Stellen mit Blechkontakt kreuzen und wie schon zuvor geht es neben der Strasse teilweise senkrecht, ja sogar überhängend runter.

 

Hier sehen wir dann auch die meisten Kreuze der vielen Todesfälle, welche am Abgrund stehen. Am eindrücklichsten ist das Denkmal einer jungen Japanerin, welche bei einer Bike Tour hier ums Leben kam. Der Guide erzählt uns die Geschichte. Anscheinend fuhr ihr Freund in rasantem Tempo voraus und sie fuhr dicht hinter ihm her und versuchte dabei krampfhaft mit der Kamera in einer Hand die Abfahrt zu filmen. Es kam wie es kommen musste, zu sehr abgelenkt mit der Kamera und nur eine Hand am Lenker, erwischte sie eine Kurve nicht und stürzte mitsamt dem Bike in die Tiefe. Mit gebührend Respekt machen wir uns auf den letzten Teil der Strecke.

 

Nachdem es am frühen Morgen noch bitterkalt war, ist es jetzt schon angenehm warm. Also mal kurz Jacke, Pullover, Kappe und Halstuch ausziehen und im Bus verstauen, eine Banane und etwas Schoggi essen und weiter geht’s. Erschwerend sind in diesem Abschnitt auch die vielen Wasserfälle und Flüsschen, welche die Strasse komplett aufweichen und welche wir durchqueren müssen. Beni fährt voraus und bezieht Position um ein allfälliges unfreiwilliges Bad von Joli festhalten zu können. Es gab keines – nur nasse Schuhe. Die Umgebung hat sich jetzt von kalt und karg komplett zu heiss und bunt verändert. Wo zu Beginn kein Gras wuchs und Felsen den Weg säumten, gibt es jetzt Palmen, Blumen und sattes Grün. Wir haben innerhalb von fünf Stunden drei Jahreszeiten durchfahren und fast 4000 Höhenmeter bewältigt. Wahnsinn. Zum Schluss bewältigen wir einen steilen Anstieg von 500 Meter bevor wir als Ziel ein Restaurant etwa 10km von Coroico entfernt erreichen.

 

Uff! Geschafft! Wir haben es überlebt. Bei einem kalten Bier spüren wir nun die körperliche Erschöpfung und bekommen mächtig Hunger. Joli ist überzeugt, dass sie sich am nächsten Tag nicht mehr wird bewegen können. Hände, Schultern, Knie, Schenkel, Po - einfach alles schmerzt.

 

Nach einer halben Stunde ist dann das leckere Buffet angerichtet. Hier gibts Fisch, Hühnchen, Teigwaren, Reis, Pommes und diverse Salate und so viel bis genug. Der Grossteil der Gruppe macht sich mit dem Bus auf den Weg zurück nach La Paz, während wir und ein Australier von hier aus ein Taxi nach Coroico nehmen um dort ein paar Tage zu verbringen.

 

Es war ein Abenteuer und die Landschaft war atemberaubend aber ganz ehrlich beim nächsten Mal würde Joli definitiv hinten im klimatisierten, trockenen Bus sitzen, die Aussicht in vollen Zügen geniessen und dafür erst noch weniger bezahlen – jawoll!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Martin (Donnerstag, 28 Februar 2019 13:05)

    Ihr Lieben, danke für den ausführlichen Bericht, den ich erst jetzt gesehen habe. Wo ist die IBAN-Nummer für die Gabe zum Thai-möni-joli-sister-day?
    Gueti Reis, häbet sorg, liebs Grüessli Papi und Ruth