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Puyo I

Wir schwanken zwischen wandern in den Anden und dem Erkunden der Vulkane oder einem Abstecher in den Dschungel. Wir entscheiden uns für den Abstecher an den Rand des Dschungels, wir brauchen etwas Wärme nach dem vielen Regen in Baños. Die Fahrt gleicht einer Achterbahnfahrt. Die Buschauffeure in Ecuador haben einfach alle einen Knall! Er rast die kurvenreiche Strasse entlang und obwohl wir immer in der vordersten Reihe sitzen (Reiseübelkeit) muss Joli schon nach 10 Minuten eine Übelkeitstablette einwerfen. Wenigsten hält dieser Chauffeur seinen Bus nicht für eine Gefriertruhe, wie andere vor ihm.

 

In Puyo haben wir ein Zimmer in einem wirklich schönen Holz Haus gebucht. Unsere Airbnb Gastgeber Karina und Roberto sind sehr gastfreundlich und wir fühlen uns sofort wie zu Hause. Das Haus liegt ausserhalb des Stadtzentrums (10 Minuten zu Fuss) mitten in den Natur und direkt neben dem Vogelzoo.

 

Neben unseren Gastgebern und ihrem kleinen Sohn sind im und ums Haus auch immer wieder andere Menschen anzutreffen. Da ist der Bruder von Karina (Santiago), welcher oft rund ums Haus und beim Kochen mithilft. Ein pensionierter Engländer, welcher hier 3 Jahre lang ein Zimmer gemietet hat (und der extrem der Steinstatue im Garten ähnelt), sowie ein gut befreundeter Belgier, welcher schon 25 Jahre hier lebt, mit einer Quechua verheiratet ist und ständig zu Besuch kommt. Alle paar Tage lassen sich auch die Handwerker blicken, nur nicht so oft wie sie sollten.

 

Wieso Handwerker? Hinter dem Haupthaus sind sie gerade dabei einen Anbau mit einer Dachwohnung fertig zu stellen. Das riesige Zimmer ist der Knaller! Santiago zeigt es uns schon am Tag unserer Ankunft voller Stolz und wir sind sofort neidisch. Das Zimmer ist komplett aus Holz, ausgestattet mit einer Glasfront bis zum Boden und Sicht auf den Dschungel, sowie einem riesengrossen Bett (200cm breit) und einem schönem Badezimmer. Nebenbei bemerkt, wir sehen oft Zimmer die ein King Size Bett anbieten (bis zu 193cm breit) im besten Fall ist es dann einfach ein Queen Size Bett (160cm), denn die normalen Doppelbetten hier sind nur 140-150cm breit. Übrigens soll mir mal einer erklären wieso das King Size Bett grösser ist als das Queen Size Bett – Frauen brauchen bekanntlich viel mehr Platz im Bett. 

 

Zurück zum super Zimmer, es soll für 40 Franken pro Nacht demnächst als Airbnb Unterkunft angeboten werden und ist somit leider nicht ganz in unserem Budget. Als wir unseren Aufenthalt hier aber frühzeitig um ein paar Nächte verlängern, dürfen wir zum Preis von unserem Zimmer (mit 140 Bett für 21.-) für die restlichen Nächte in die neue, zwar noch nicht ganz fertige, Suite umziehen. Die Aussicht ist der Hammer! An einigen Tagen können wir sogar den Sonnenaufgang geniessen (wenn’s mal nicht geregnet hat und wir frühzeitig wach waren). Und das Bett ist eine wahre Freude nach 6 Monaten in kleinen Betten können wir endlich wieder mal Rumranggen und Fägnäschte wie wir wollen ohne das der andere auf der anderen Seite ein Knie im Bauch oder Rücken hat oder gar aus dem Bett fällt.

 

Puyo & der Orchideen Garten

Wir erkunden nach der Ankunft noch etwas das Städtchen und geniessen die abendlichen Sonnenstrahlen. Die Stadt ist etwas grösser als Baños aber bei weitem nicht so touristisch, wir sind fast die einzigen Gringos hier. Wir erklimmen einen Aussichtsturm, wo wir von weiten ein paar rote Aras in den Bäumen und kurz darauf vorbei fliegen sehen und beginnen den Spazierweg am Ufer des Flusses entlang, verschieben den ganzen Weg dann aber auf einen anderen Tag und gehen stattdessen Abendessen.

 

Leider scheint die Sonne danach auch schon ihr ganzes Pulver verschossen zu haben. Bereits in der Nacht regnet es in Strömen. Der Lärm den der prasselnde Regen auf dem Wellblechdach des Hauses macht ist ohrenbetäubend und auch Blitz und Donner sind gewaltig. Wer gerne Gewitter und Regen hört hat seine wahre Freude daran (so wie wir).

 

Nach dem Frühstück hört es auf zu regnen und es drücken ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Wir brechen zu Fuss auf in Richtung Orchideen Garten, welcher ausserhalb des Zentrums liegt und von uns nur zwei Kilometer entfernt ist. Doch bereits auf halbem Weg spielt Petrus wieder Sintflut. Es giesst wie aus Eimern und wir stellen uns unter das Vordach eines Hauses. Der Bewohner erklärt uns freundlicherweise, wie wir zum nächsten Bus Stopp kommen. Etwas durchnässt erreichen wir die Haltestelle und nach 5 Minuten kommt tatsächlich ein Bus vorbei. Beim Orchideen Garten angekommen ist zwar das Eingangs Tor offen, aber es scheint niemand da zu sein. Wir setzen uns unter einen Unterstand und nach kurzer Zeit kommen etwa 20 Leute aus dem Wald geschwommen eeeehhh gelaufen und sind alle ziemlich durchnässt. Sie waren auf einer Tour mit dem Besitzer und einzigen Guide hier.

 

Wir warten noch ein wenig in der Hoffnung auf besseres Wetter und plaudern dabei mit dem Besitzer der Anlage. In 35 Jahren hat er diesen Wald auf einem ehemaligen Weidegrund aufgezogen. Die Anlage wartet mit einem gewaltigem Reichtum an Pflanzen und Bäumen auf den Besucher und der Rundgang inkl. Erklärungen dauert zwischen zwei bis drei Stunden. Irgendwann entschliessen wir uns aber dann doch mit dem Bus nach Hause zu fahren und an einem anderen Tag (inkl. kompletter Regenmontur) wieder zu kommen (was wir leider nicht geschafft haben…).

 

Die Busfahrt ist dann auch irgendwie das Highlight des Tages. Wir warten beim Unterstand bis wir den Bus hören (resp. der Besitzer hört den Bus, wir hören nur den Regen), rennen runter und fahren nur ein paar Meter bis zur Endstation. Dort steigen wir in den vorderen bereits wartenden Bus um und ruckeln auf dem schlammigen, löchrigen Weg wieder Richtung Hauptstrasse. Im Bus ist noch ein alter, kleiner Röhrenfernseher eingebaut, der uns echt fasziniert und somit das einzige Foto des Tages auslöst. Wobei wir ernsthaft bezweifeln, dass dieser funktioniert oder jemals funktioniert hat.

 

Privat Tour mit Roberto

Aufgrund des wechselhaften Wetters und der dadurch nötigen Ausrüstung für alle Wetterlagen haben wir uns heute Roberto mitsamt Auto gemietet, um uns in der Gegend herum zu chauffieren. Er macht mit uns eine klassische Tour mit Kultur, Natur und Action.

Gemeinde Kotococha

Wir besuchen die Gemeinde Kotococha am Fluss Puyo. Es ist eine Siedlung mit verschiedenen Familien, welche hier leben und arbeiten. Wir betreten die Siedlung über eine Hängebrücke, welche über den Fluss Puyo führt. Roberto führt uns ein wenig durch das Dorf, wir bestaunen die Papageien und warten bis wir in eines der Holzhäuser gebeten werden. Das dauert eine Weile, denn irgendwie ist noch niemand wach – gestern gab es ein grosses Fest in der Gemeinde – alles klar.

 

Im Haus nehmen wir Platz und erhalten zur Begrüssung ein alkoholisches Getränk aus Yuca (Maniok), das Chicha heisst. In den Anden wird es auch mit Mais hergestellt, hier im Dschungel in der Regel mit Yuca (Wurzelknolle) oder Chonta (eine Palmenfrucht). Es wird Gästen zur Begrüssung angeboten oder auch bei Festen in Massen getrunken. Die traditionelle Herstellung ist hier noch an der Tagesordnung. D.h. der Dorfälteste hat die Yuca lange gekaut, ausgespuckt und dann gären lassen (*schluck*). Je länger man die Yuca kaut desto süsser wird das Getränk.

 

Danach bekommen wir eine Kriegs- resp. Jagdbemalung. Die rote Farbe wird ebenfalls aus einer Frucht gewonnen, resp. direkt aus der Schale der Frucht mit einem spitzen Stück Holz aufgemalt. Für die Jagd bemalt, bekommen wir ein Blasrohr in die Hände gedrückt. Wir stellen uns ziemlich gut an. Beni trifft den Holzaffen einmal in den Hals, Joli schiesst ihm den Pfeil einmal mitten ins Knie und einmal in den Genitalbereich (…), nicht schlecht. Auf Joli’s Bemerkung hin, dass das Blasrohr ziemlich lang und auch nicht gerade leicht ist, bekommt sie zur Antwort: «Haha, das war nur das für die Kinder, die normalen für die Männer sind noch länger.» Na dann würden wir wohl doch verhungern bei dieser Art zu jagen.

 

Dann wird die Jagdausbeute gefeiert. Mit lautem Getrommel und Geschrei gibt der Mann den Frauen den Takt vor. Hüfte schwingend tanzen diese um den Mann herum. Nun kommen auch wir hinzu, Beni mit Federschmuck und Trommel und Joli mit Kokos-BH und Bast Rock – oder so. Roberto macht ein paar coole Schnappschüsse von uns, bevor wir zurück zum Fluss gehen und auf das Kanu warten. Das kuhle war, dass wir alleine waren. In einem anderen Haus war eine ganze Tourengruppe mit über 20 Leuten.

 

Kanu fahrt

Pünktlich zum Kanufahren beginnt es regnen. Aber heute sind wir vorbereitet. Wir ziehen unsere Regenhosen und Jacken an und warten. Bald kommt ein Auto, welches ein Kanu auf dem Dach geladen hat. Darin werden wir für eine Stunde den Fluss abwärts fahren. Mit Schwimmweste, Regenkleidern und wasserdichten Säcken ausgerüstet nehmen wir im wackligen Kanu platz. Das Teil scheint nicht mehr ganz dicht zu sein, schon kurz nach dem Start muss unser Steuermann hinter uns Wasser schöpfen und dann alle paar Minuten wieder, damit wir nicht nasse Füsse bekommen. Entsprechend hat das Holz Kanu auch immer eine leichte Schräglage. Wahnsinnig bequem ist es nicht und wir sind froh, dass wir in Peru nicht die 6 tägige Tour in so einem Kanu gebucht haben – unsere Rücken protestieren schon nach 20 Minuten.

 

Der Fluss hat ein paar kleinere aber nicht tiefe Stromschnellen zu bieten. Ein bisschen wie Rafting nur in einem etwas untypischeren Gefährt. Bei den Stromschnellen wird uns dann auch klar warum das Boot ein wenig leckt. Wir steuern immer wieder quer über das Flussbett und schrammen trotzdem regelmässig über die Steine am Boden. Eine ziemlich ruppige Angelegenheit. Wir geniessen das Rauschen des Flusses und die vorbeiziehende Landschaft. Am Ende der Fahrt wartet Roberto bereits am Ufer auf uns und weiter gehts, der Tag hat noch viel zu bieten.

Cascada Hola Vida

Da die Touren alle zum Aussichtspunkt gefahren sind, gehen wir zuerst zum Wasserfall Hola Vida. Es hat wieder aufgehört zu regnen und sogar die Sonne zwinkert vereinzelt zwischen den Wolken hindurch. Entlang eines kleinen Flusses spazieren wir über teilweise glitschigen Untergrund durch einen wunderschönen Wald (Beni verdreht nur die Augen), bis wir nach einer halben Stunde am Ziel sind. Ein etwa 21 Meter hoher Wasserfall mit einem kleinem natürlichem Pool liegt direkt vor uns. Wunderschön. Kaum angekommen stehen Joli und Roberto schon in Badehosen da, nur Beni reizt das Bad nicht (oder er ist einfach zu faul zum Umziehen?!). Das Wasser ist herrlich klar und kühl und eine wunderbare Erfrischung nach dem Spaziergang unter der drückigen Sonne. Wer schon nicht badet, muss dann halt die Fotos machen und so knipst Beni fröhlich drauflos. Zurück beim Eingang verspeisen wir unser Mittagessen und werden dabei von einem Rudel Hunden belagert. Wenn die wüssten, dass wir nur Mandarinen und gerösteten Mais essen…

 

Mirador Indichuris

Der letzte Stopp ist sogleich der spektakulärste. Wir waren ja schon in Baños auf zwei Schaukeln mit hübscher Aussicht, aber diese Schaukel hier punktet nebst der genialen Aussicht über den Fluss Pastaza auch noch mit der Ausschüttung von Adrenalin. Der Aufstieg ist steil aber er lohnt sich. Das Seil dieser Schaukel ist mehr als doppelt so lang wie die in Baños und auch nicht an einer neuen Stahlkonstruktion befestigt sondern ganz oldschool an einem Ast eines riesigen Baumes. Der Sitz ist auch keine Stahlkonstruktion mit Sicherheitsseil sondern lediglich ein Holzbrett mit einer Schnur durch die Mitte und einem Koten unten dran.

 

Man startet von einer erhöhten Plattform, vor welcher es ziemlich steil über einen 20-30 Meter Abgrund geht. Ohne Furcht oder Bedenken klettert Joli als Erste auf die Plattform und setzt sich auf das Holzbrett. Roberto sichert sie noch zusätzlich mit einem Seil am Seil (bringen würde das wohl herzlich wenig aber es sieht gut aus – safety first). Dann rauscht sie mit einem Tarzanschrei zuerst etwas in die Tiefe und dann weit über dem Abgrund und hoch in den Himmel hinaus. Nach dem Auspendeln lässt sich Beni den Spass natürlich auch nicht entgehen und insgesamt gehen beide drei Mal an den Start.

Das war die geilste Schaukel, welche wir je benutzt haben. Am Haupteingang gibt es noch ein paar kleine Höhlensysteme, einige davon mit in den Felsen eingemeisselten Gesichtern, welchen wir in den Mund klettern. Die Fledermaushöhle dahinter lassen wir aber aus.

 

Auf dem Rückweg wollte Roberto eigentlich noch bei einem Schamanen vorbei gehen aber wir fahren an einem Auto mit Panne vorbei und nehmen noch eine Reisende mit, welche in einer Stunde in Puyo am Busbahnhof sein muss. Macht auch nichts, wir hatten einen super Tag und es ist auch schon später Nachmittag.

 

Zuhause angekommen, nehmen wir das Angebot von Karina an, dass sie uns etwas kochen kann, wenn wir nicht mehr raus wollen. Pommes und Salat, klingt nicht speziell aber es war super lecker.

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