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Pujili

Das Wochenende verbringen wir in Pujili. Hier treffen wir Joli's Freundin Betty. Die beiden kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit im Amazoonico und ihrer Reisezeit in den Jahren 2014 & 2015. Betty hat ihre 2 Wochen Sommerferien so geplant, dass wir zu Dritt auf Reisen gehen können. In Pujili sind wir übers Wochenende bei ihren Eltern eingeladen. Danach dürfen wir uns bis zur Abreise nach Panama bei Betty's Freundin Cristina einquartieren, wo Betty als Kindermädchen arbeitet.

 

Als unser Bus in Pujili hält und wir aussteigen fragt der Buschauffeur drei Mal nach ob wir wirklich hier in Pujili aussteigen wollen und erwähnt mehrmals, dass hier sei noch nicht Latacunga. Jaja schon klar, aber wir sind hier richtig, wobei hierher verirren sich wahrscheinlich tatsächlich nur ganz selten Touristen. Viel zu bieten hat das kleine Städtchen für Touristen auch nicht, es hat aber eine ganz hübsche Plaza und einen riesigen Markt.

 

Wir spazieren etwas in der Gegend herum bevor wir zurück in unser Hostal gehen. Hier schauen wir uns im Zimmer den Match Brasilien gegen Belgien an und Joli lässt sich derweilen das Mittagessen nochmals durch den Kopf gehen. Zum Abendessen finden wir dann tatsächlich noch sowas wie eine Pizzeria und die Pizza bleibt dieses Mal sogar bei Joli wo sie hingehört.

 

Das Landleben

Am nächsten Morgen um halb 12 kommt uns dann Roberto, der Vater von Betty mit dem Auto direkt im Hostal abholen. Dann fahren wir gemeinsam an den Busbahnhof um Betty abzuholen. Diese ist mittlerweile angekommen, allerdings direkt beim Hostal am Dorfeingang ausgestiegen. Also warten wir noch etwas auf das grosse Wiedersehen. Nach einer grossen Runde Umarmungen und einer ausgiebigen Begrüssung – schliesslich haben wir uns fast 4 Jahre nicht gesehen – fahren wir dann los in Richtung Bettys zu Hause, rund 30 Minuten entfernt von Pujili, in einer kleineren Gemeinde auf 3400 M.ü.M..


Auf der Ladebrücke des Wagens sitzend fahren wir die kurvige Strecke rauf und tauschen uns über die vergangenen Jahre aus. Oben angekommen ist der Empfang erstmals wild und schlabberig. Drei Hunde fallen freudig über uns her. Deymax, Theodoro und Razu. Letzterer hat Betty als Welpen auf einem Berg gefunden und mit nach Hause gebracht. Razu bedeutet Eis in Quechua, der Name passt, da es bei seinem Fundort so hoch war, dass bereits Schnee lag. Die anderen beiden wurden bei der Geburt der beiden Enkeltöchter von Roberto und Lucía in die Familie aufgenommen. Wenn ein Kind zur Welt kommt, stösst auch ein Hundewelpen zur Familie, damit die beiden gemeinsam aufwachsen, spielen und vom selben Teller essen können. Das härtet die Kinder ab und lernt sie den Umgang mit Tieren. Uns gefällt die Idee.

 

Wir platzieren unser Gepäck im Zimmer und nehmen in der Küche Platz. Es gibt Maiskolben und Kartoffeln und dazu das Brot, dass wir aus dem Dorf mitgebracht haben und selbstgemachten Käse. Gestärkt erhalten wir einen Poncho und Hut für einen Rundgang, denn hier oben ist es doch wieder etwas kälter. Wir spazieren den Hügel hoch, resp. Betty und ihre Nichte Betza spazieren und wir schnaufen und keuchen rauf. Hier zeigt uns Betty den Landbesitz ihrer Familie. Sie besitzen einige Schafe, ein Lama, eine Kuh mit einem Kalb, ein Schwein und einen ganzen Stall voller süsser, eh leckerer kleiner Meerschweinchen. Ach wie knuddelig diese kleinen Racker doch sind. Jedoch werden sie hier nicht zum knuddeln gehalten sondern landen an Feiertagen auf dem Tisch. Kuh, Schafe und Schwein werden in erster Linie zur Zucht gebraucht um die Jungtiere zu verkaufen. Das alte Lama, das Joli bei ihrem letzten Besuch kennen gelernt hat ist gestorben, aber die Kinder haben Lucía zum Muttertag ein neues geschenkt, welches als Lasttier dient.

 

Wir setzen uns etwas in die Wiese wo uns Bettys Mutter auch Gesellschaft leistet. Hier holt Bettys Mutter einen Haufen schwarzer Sträucher von einem der Felder. Es sind Bohnensträucher und gemeinsam pullen wir, gemütlich auf dem Feld sitzend, die weissen Bohnen aus den Hülsen. Diese Bohnen werden später geröstet und als Snack serviert. Wir kennen sie von zu Hause als weisse Bohnen aus der Dose…

 

Ein Feld weiter helfen wir zuerst etwas Futter für die Meerschweinchen und Kaninchen sammeln und gehen danach Lucía beim Kartoffeln ernten zur Hand. Sie erklärt uns, welche in den Sack kommen und welche in den Topf (für das Schwein). Aber wir haben bis zum Schluss den Unterschied nicht erkennen können und sie hat unsere Auslese dann nochmals durchgesehen. Wir brauchen etwa 30 Minuten um den heutigen und morgigen Bedarf an Kartoffeln zu decken. Danach muss die Ernte gemeinsam mit den Schafen zurück zum Haus gebracht werden. Normalerweise bleiben Kühe und Schafe draussen, aber aktuell hat es wilde Hunde in der Gegend, die auch schon Tiere gerissen haben.

 

Es ist schon eindrücklich wenn man feststellt, wie viel Arbeit für ein paar Kartoffeln und Bohnen zum Abendessen notwendig ist und wir haben nur die Ernte miterlebt. Auch wird hier alles mit Handarbeit angebaut, geerntet und verarbeitet. Das Wasser für die Kuh auf der unteren Wiese wird ebenfalls in einem grossen Eimer runter getragen.

Hier gehst du nicht einfach in die Migros und holst dir mal kurz einen Sack blitzeblank geputzte Kartoffeln und Bohnen, nein hier holst du dir dein Essen auf dem Feld. Es gibt auch keinen Traktor und sonstige Hilfsmittel die dir die Arbeit auf dem Feld erleichtern.

 

Betty erklärt uns auch, dass die kleinen Überbleibsel eines Hauses, welches wir auf dem einen Feld noch sehen, ihr früheres Haus war, bevor ein Erdbeben es zerstört hat. Danach haben sie zwei kleine Häuser daneben gebaut (Foto 15&16), welche heute als Meerschweinchen Stall dienen, da ihre Eltern sich mittlerweile ein kleines Grundstück unten im Dorf kaufen und dort ein Haus bauen konnten.

 

Zurück im Haus, knabbern wir schon kurz darauf die gerösteten Bohnen (Tostadas) in der Küche und trinken dazu Panela (im Prinzip heisses Zuckerwasser). Die Küche ist der wärmste Ort im Haus, da hier praktisch immer etwas am Köcheln ist, wie jetzt zum Beispiel die Suppe fürs Abendessen.

 

Auch die Tatsache das eine Heizung und ein warmes Zuhause bei uns selbstverständlich ist, weiss man erst zu schätzen wenn man hier eine bitterkalte Nacht in den Bergen verbracht hat und sich bewusst wird das dies hier ganz normal ist, man zieht sich halt einfach mehr an und wickelt sich in Decken.

 

Eigentlich sollte heute Abend schon der Rest der Familie anreisen, weil wir morgen drei Geburtstage feiern wollen. Das wären dann im ganzen zehn Erwachsene und zwei Kinder zum Übernachten und wir machen uns schon Sorgen und fragen Betty ob wir denn nicht besser wieder im Hostal schlafen sollen, denn wir können uns nicht vorstellen wie wir 12 in drei Betten schlafen sollen, zumal Betty uns ein Bett für uns beide zugewiesen hat. Aber sie meint nur, das gehe schon, das klappe immer irgendwie. Schlussendlich kam der Rest der Familie, dann doch erst am Morgen und mit drei, drei und zwei pro Bett ging es dann doch gut auf.

 

Am nächsten Morgen, während Beni schon wach im Bett liegt, wird Joli von Theodoro geweckt. Das kleine Fellknäuel knallt auf ihren Bauch und eine feuchte Schnauze kommt ganz nah an ihr Gesicht, so dass das erste was sie sieht, eine grosse schwarze Nase ist. Vor Schreck stösst sie den armen Theo mit der Hand weg, so dass dieser vom Bett runterfällt. So hatten sie beide den morgendlichen Schreck und sind jetzt wach.

 

So gegen 10 Uhr kommt dann die ganze Familie zusammen. Betty ist schon seit dem frühen Morgen fleissig in der Küche am Kochen und Braten. Die vier Schwestern (Eva, Lucy, Lola und Sisa) sowie Bettys Bruder Ruben sind gekommen und Eva bringt auch noch ihre ältere Tochter Jurid mit (Betza war ja gestern schon da). Wir feiern drei Geburtstage, die vor kurzen stattgefunden haben resp. nächstens stattfinden. Jeder sagt wofür er dankbar ist und danach wird gemeinsam gegessen. Gastfreundschaft wird hier ganz gross geschrieben, wir sitzen auf den besten Plätzen und erhalten Essen und Trinken bis genug. Es gab Koteletten, Kartoffeln, Mais und Salat. Fasziniert beobachten wir den spassigen Kampf um die Fleischstücke. Wer sein Fleisch aus den Augen lässt, muss es dann bei einer der Schwestern oder Tanten suchen und zurück erobern.

 

Auf der Wiese vor dem Haus wird danach eine grosse Decke ausgebreitet, auf welcher wir uns mit vollen Bäuchen hinlegen, ein wenig vor uns hin dösen und die Sonnenstrahlen geniessen. Die Zeit vergeht wie im Flug und am frühen Nachmittag machen wir uns bereit für die Reise nach Quito. Hier oben fährt kein Bus, also halten wir unser Gepäck bereit und setzen uns vor dem Haus an die Strasse um auf das nächste Auto zu warten. Hier fahren nur Pickups, welche die Leute nach Pujili mitnehmen. Nach einer halben Stunde ist es dann soweit, mit einem Handzeichen signalisieren wir dem Fahrer, dass wir gerne aufsteigen möchten. Ab Pujili nehmen wir den direkten Bus nach Quito.

 

In Quito angekommen geht es nochmals weiter mit einem anderen Bus und danach noch 5 Blocks zu Fuss (gemäss Betty) effektiv sind es dann 3 sehr lange Blocks plus nochmals sechs normale. Aber wir kommen doch noch an und dürfen uns im Spielzimmer der Jungs einrichten, bevor wir losziehen um gemeinsam Essen zu gehen, bevor die Familie nach Hause kommt und Betty wieder arbeiten muss.

 

Nochmals vielen Dank Roberto & Lucía für das tolle Wochenende und die Einladung. Wir haben es sehr genossen. Roberto y Lucía, muchas gracias por todo. Lo hemos disfrutado mucho compartir con ustedes y poder quedarnos en su casa. 

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