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Mt. Takao

Heute haben wir erstmals etwas sonnigeres Wetter. Perfekt für einen Tagesausflug auf den hiesigen Hausberg. Was für den Berner der Gurten, den Thuner das Niederhorn, ist für den Tokianer der Takao. Wir sind etwas spät dran (…), erst kurz vor 8 Uhr kommen wir in die U Bahn. Die Züge sind ziemlich gut gefüllt. Noch nicht ganz so extrem das Gesichter an den Fensterscheiben kleben aber es wird doch schon ziemlich kuschelig. Am Bahnhof Shinjuku müssen wir umsteigen und ein Tagespass inkl. Seilbahn am Automaten lösen. Nicht ganz einfach wie sich herausstellt. Eine Japanerin bemerkt unsere Unsicherheit und hilft uns unsere Tickets zu lösen. Sie ist ein Tourguide und spricht ziemlich gut Englisch. Ratlose Ausländer am Ticketautomaten sind für sie sie kein ungewohntes Bild, erklärt sie uns. Ja da haben wir ja wieder einmal Glück gehabt.

 

Mit 8 verschiedene Zettelchen machen wir uns auf zum Perron. Etwas über eine Stunde später sind wir in Takaosanguchi. Trotz der eher frühen Stunde sind schon wieder unzählige Menschen unterwegs. Nur die Restaurants sind sehr zu Jolis Verdruss noch geschlossen. Wir kaufen uns ein Brötchen mit süsser Bohnenfüllung. Eigentlich hatten wir die Hoffnung die roten Bohnen mit Südamerika eine Weile hinter uns zu lassen. Aber die Japaner scheinen auch darauf abzufahren. Allerdings in der Variante süss und Gepäck. Naja. Ist nicht übel aber auch nicht gerade unser Highlight unter dem japanischen Essen.

 

Rund um die Talstation befindet sich ein kleiner Platz mit etlichen kleinen Läden, an welchen wir uns mit heissen Marronis eindecken. Preislich sind sie genauso schweineteuer wie bei uns. Mal schauen was sie geschmacklich können.

Es gibt eine Standseilbahn und einen Sessellift, welcher den 560 Meter hohen "Berg" hochfährt. Wir entscheiden uns für das Sesselbähnchen. Erstens ist es viel cooler und zweitens ist hier keine Schlange, während man für die Standseilbahn mindestens 30 Minuten ansteht.

 

Nach La Paz, ein weiteres Highlight unter den uns sonst so bekannten Fortbewegungsmitteln. Über ein Band wird man quasi auf dem 2er Sessellift platziert. Die Ampel wechselt von Rot auf Grün, wir betreten das Band, dass uns langsam vorwärts schiebt, während hinter uns das Sesseli kommt. Dann geht es rauf und Joli sucht vergeblich den Sicherheitsbügel. Wie krass ist das denn bitte sehr. So etwas unsicheres haben wir von Japan nicht erwartet.

 

Naja das Rätsel löst sich schnell. Auf dem Weg nach oben ist man in der Regel höchstens zwischen ein bis zwei Meter über dem Boden. Einige Male ist es etwas höher aber auf der ganzen Strecke ist ein Netz unter der Bahn gespannt. Also wir schleifen praktisch dem Boden entlang den Berg hoch. Zweimal schleifen unsere Füsse sogar über den Boden und Beni bleibt kurz hängen weil wir so tief fliegen.

 

Wir amüsieren uns köstlich und geniessen die Fahrt und die Marronis (welche leider nicht so lecker sind wie unsere). Und dann kam er! Der Fotograf. Mitten auf dem Sesselbahnstrecke. Auf halber Strecke sitzt dann tatsächlich einer auf seinem Campingstuhl unter einem Schirm. Vor sich ein Stativ, eine Kamera und ein Blitzgerät. Schon von weitem animiert er die Fahrgäste zu winken und zu lächeln. Wir sind so perplex, dass Joli etwas ungläubig in die Kamera guckt und Beni vergisst weiter zu kauen und daher aussieht wie ein Hamster. Oben angekommen stehen die Damen schon mit dem gedruckten Foto bereit. Wir haben uns immer noch nicht von unserem Lachanfall erholt und finden es so witzig, dass wir das 7 Franken teure Foto kaufen. Wie geil ist das denn? Wieso haben wir das in der Schweiz nicht? Na gut bei uns müsste der Fotograf in einem Baum sitzen, da unsere Sesseli etwas höher schaukeln aber auch das wäre machbar. Joli behält es sich als Geschäftsidee im Hinterkopf. Der Gedanke 8 Stunden in einem Baum zu hocken und Touristen zu fotografieren, anstatt 8 Stunden in einem Büro in die Kiste zu starren ist irgendwie sehr verlockend – trotz der Höhenangst.

 

Die Wanderautobahn

An der Bergstation kaufen wir uns zur Stärkung gegrillte Reisteigbällchen getunkt in Sojasauce. Es ist wirklich richtig lecker auch wenn man das Jolis Gesichtsausdruck irgendwie nicht ansieht. Aber wahrscheinlich ist ihr gerade ein Licht aufgegangen, dass dies wohl ihr heutiges Frühstück sein wird. Der Weg den restlichen Berg hoch ist dann eine richtige Wanderautobahn. Es gibt ein paar verschiedene Wanderungen, welche zum Gipfel führen. Nach oben nehmen wir den ausgebauten Weg über viele Treppen, vorbei an Schreinen und Tempeln, an welchen sich zu viele Menschen tummeln. Der Weg zieht sich dann mit einer Stunde auch ziemlich in die Länge.

 

«Gipfel»-Bier

Auf dem Gipfel kaufen wir uns ein lecker Bierchen. Wir haben den Mt. Takao erklommen. Mit uns hunderte andere Menschen. Ganze Schulklassen mit verschieden farbigen Hüten sitzen hier auf grossen Decken und Familien geniessen ihr Picknick. Aber das Picknick sieht ganz anders aus als bei uns. Keine Würste. Keine Sandwiches. Nein. Lunchboxen mit einem ganzen Menu, Sushi, Reisdreiecke mit Füllung in Algen gewickelt usw. – eben eine ganz andere Welt. Wir schlürfen unser Bier und geniessen die Aussicht. Beim Versuch in der Ferne den Mount Fuji auszumachen werden wir von einem älteren Japaner angesprochen. Er bietet seine Hilfe an und erklärt uns die Aussicht: «Der Mt. Fuji ist direkt hinter dieser Wolke dort, zwischen den beiden Bergen hinter den anderen Wolken.» – Ah ja! Wir plaudern noch ein wenig mit ihm über die Schweiz und Japan. Die Japaner lieben die Schweiz und kaum einer kennt die Schweiz nicht. Im Gegensatz zu vielen Südamerikanern, die sich teilweise unsicher waren auf welchem Kontinent wir den zu Hause sind.

Auf dem Rückweg werden wir von einer Gruppe älterer Japaner angesprochen. Sie möchten gerne ein Gruppenfoto von ihrer Gruppe und brauchen einen Fotografen, da bietet sich natürlich Joli an. Beni hält die Szene ebenfalls gekonnt fest und die Gruppenanführerin macht dann auch von uns noch ein Foto unter dem schönen herbstlichen Baum.

 

Japan meets Thun

Für den Rückweg nehmen wir eine der vielen Wanderungen abseits der Hauptroute. Für uns ist es ein Waldspaziergang, für die Tokianer eher ungewohntes Terrain. Wir sind einiges schneller und überholen viele Japaner. Dabei werden wir bereits erneut angesprochen. Obwohl der ältere Herr nur ein paar Brocken Englisch spricht haben wir uns mit einigen Aaahhhs und Oooohs ziemlich gut unterhalten. Als wir ihm erklären das wir aus der Schweiz sind spricht der Mann auf einmal Worte wie Thun, Oberhofen, Mürren, Thunfest, Aare, Jungfrau, Rothorn aus. Wir sind baff, ernsthaft jetzt? Es stellt sich heraus, dass er schon 5 x in der Region Berner Oberland war und ein Kollege seinerseits nur 10 Minuten vom Bahnhof Thun entfernt wohnt. Voller Freude ruft er seiner Frau nur «Thun, Thun» zu und zeigt auf uns, worauf auch sie mit «Oooh» und «Aaaahh» antwortet und über beide Backen strahlt. Es scheint ihnen offensichtlich sehr gut zu gefallen bei uns in der Schweiz. Nächstes Jahr wollen sie zum Thunfest wiederkommen. Unglaublich. Wir verabschieden uns voneinander und gehen unsere Wege weiter. Was für eine lustige Begegnung.

 

Retter in der Not

Nur ein paar Minuten später befinden wir uns direkt hinter zwei älteren Frauen als der einen das Handy aus der Hand fällt und einige Meter den steilen Abhang runterrutsch. Völlig entsetzt stehen wir zuerst zu viert da und schauen dem Handy hinterher. Die beiden Frauen sind völlig schockiert und ratlos. Man hört nur «Aaaah», «Oooh», «Uhhh». Beni, geistesgegenwärtig und selbstlos wie er leibt und lebt, entledigt sich seiner Kamera und dem Rucksack und rutscht und klettert den steilen Abhang runter. Begleitet wird seine wagemutige Aktion von ganz vielen Aaaahs, Ooohs und Uhhhs, in welche auch Joli einstimmt – man kann nicht anders, das ist so ansteckend.

 

Ohne die vielen kleinen Bäume wäre Benis Rettungsaktion nicht möglich gewesen, denn der Waldboden ist sehr nass und instabil. Die ältere Frau ist überglücklich als sie ihr Handy von Beni zurückerhält. Vorbei gehende Wanderer klatschen freudig und die Dame überschüttet Beni mit Lobeshymnen und Danksagungen. Auf Japanisch natürlich aber wir nehmen jetzt einfach mal an, das es Danksagungen waren wir verstehen ja kein Wort ausser «arigato gozaimasu», welches sie immer zu wiederholt. Gefühlte 1000 Verbeugungen später spazieren die beiden weiter.

 

Wir kommen aber nicht weit da drehen sie sich nochmals zu uns um und ziehen aus ihrem Rucksack einen Beutel mit drei leckeren Teigtaschen gefüllt mit süsser Bohnenpaste (schon wieder), welche sie uns zum Dank überreichen. Auch später gehen wir erneut zufällig an den beiden vorbei und erhalten nochmals eine Brause Dankeschöns und Verbeugungen. Wahnsinnig freundliches Völkchen. Wir hatten in nur drei Tagen bereits so viele äusserst freundliche Begegnungen mit Japanern, da machte Beni diese kleine Kletterpartie sehr gerne für die beiden.

Zurück bei der Bergstation sehen wir Menschen mit riesen Hot Dogs umhergehen, so einen wollen wir auch. Die Hot Dogs schmecken auch hier mit Ketchup und Senf gleich wie im Rest der Welt, einfach lecker.

 

Jetzt geht’s wieder runter. Was wir beim rauffahren verpasst haben wollen wir beim runterfahren nachholen. Wir wollen ein Foto des Fotografen. Aber wir hätten uns gar keine solche Mühe machen müssen. Denn auch auf dieser Seite sitzt ein Fotograf. Eigentlich logisch. Wer mit der Standseilbahn hoch kommt und mit dem Sesseli runter soll ja auch sein Foto kriegen. Jetzt sind wir besser vorbereitet und winken und lächeln fröhlich in die Kamera. Unten dürfen wir dann das erste, eher ungelungene Foto gegen das neue tauschen. Sehr nett.

 

Trickart Museum

Zum Schluss besuchen wir das Trick Art Museum gleich beim Bahnhof. Es geht um optische Täuschungen. Eigentlich ziemlich cool aber doch auch irgendwie anstrengend. Ein paar tolle Fotos kommen aber doch noch dabei raus und am Schluss gibt es vom Automaten noch ein gratis Getränk. Wir lieben die Automaten in Japan. Da kann man einfach alles haben und auch noch immer zwischen heiss und kalt wählen.

 

Was für ein cooler Tag, wir haben mächtig Freude an Japan. In der Stadt wirken die Menschen sehr fokussiert und zielstrebig, draussen in der Natur sieht man dann ihr entspanntes Ich. Wir haben trotz der Sprachbarriere ein paar sehr herzliche Kontakte zu den Japanern gehabt und sind überrascht wie freundlich sie sind. Sie sind zudem ein sehr ruhiges Volk, obschon heute sehr viele Menschen auf dem Berg waren war es trotzdem angenehm und erholsam zugleich. Wir haben seit zwei Tagen ein richtiges Dauergrinsen im Gesicht und geniessen jede Sekunde hier. 

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