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Hakone

Heute geht es nur ein wenig weiter nach Süden, aber immerhin zwei Mal umsteigen müssen wir auch hier. Nächster Halt Hakuna Matata. Nein Hakone heisst dieses Städtchen, welches inmitten von Bergen liegt. Also Berge ist eigentlich übertrieben, für uns sind es mehr Hügel und eigentlich sind es doch Vulkane. In Odawara arbeitet genau heute (scheinbar immer nur an einem bestimmten Wochentag) ein Mitarbeiter der gut Englisch spricht am Schalter und gibt uns auch gleich Tipps wie wir den Tag in Hakone verbringen können und welches Ticket für uns am besten ist. Wir kaufen also ein Rundreise Ticket für rund 40.-, das zwei Tage gültig ist und den Zug von Odawara nach Hakone (und retour) abdeckt, sowie alle örtlichen Busse und Züge, Seilbahnen und eine Schiffsfahrt. Private Bahnen sind von unserem Railpass leider nicht abgedeckt. Aber nach kurzen Nachrechnen stellen wir fest, dass dieser Preis in Ordnung ist und wir so sicherlich den ganzen Tag beschäftigt sind.

 

Räthische bahn

Nach dem wir den steilen Aufstieg zu unserem Hostal souverän mit dem Taxi gemeistert haben, deponieren wir unser Gepäck im Schliessfach zu unserer Kapsel und gehen zurück zum Bahnhof. Welche Kapsel werdet ihr euch jetzt denken, aber dazu kommen wir später.

 

Wir starten unsere Sightseeing Rundfahrt mit dem Zug. Gleich beim Einsteigen fallen uns die vielen Plakate an der Zug Decke auf. Irgendwie kommen uns diese Fotos enorm vertraut vor… Überall hängen Bilder von Schweiz Tourismus und der Rhätischen Bahn. Wie sich herausstellt sitzen wir hier im Sister Train der Rhätischen Bahn. Wir befinden uns zudem auf der zweit steilsten Zugstrecke der Welt wie wir über die Lautsprecher erfahren. Mit 3 Wagons ist der Höhenunterschied zwischen den Lokführerpositionen vorne und hinten ganze 3.5 Meter, bei 5 Wagons sogar noch einen Meter mehr. Krass. 

 

Spezies Mensch

Der Mensch ist eine «spezielle» Spezies um es mal freundlich auszudrücken. Wir stellen das immer wieder fest. Auch heute wieder. Mit unzähligen Touristen stellen wir uns bei der Standseilbahn an. Bereits beim Anstehen wird schnell klar, auf japanische Sitte und Ordnung wird hier (so alleine unter Touristen) geschissen. Mit Händen und Füssen wird hier getreten und gestossen. Da wird schon gedrängelt obwohl die Bahn noch nicht einmal da steht. Beni schaut Joli an und Joli nickt: «Ich weiss jetzt heisst es wieder Ellenbogen ausfahren!»

 

Als sich dann die Türen öffnen sind wir beinahe schockiert über die Art und Weise wie sich die Menschen verhalten. Da wird gedrückt und gedrängt, geschupst und gestossen und ein Frau fliegt tatsächlich die einzige Treppenstufe im Zug herunter weil sie doch unbedingt für die endlos lange Fahrt von 15 Minuten einen Sitzplatz haben muss, unglaublich.

 

Nach kurzen reflektieren stellen wir aber fest: ah stimmt ja, das ist normal. Das läuft bei uns in der Rush Hour an den Bahnhöfen oder an den Wochenenden in den Bergen nicht viel anders. Wir haben uns wohl zu schnell an die wundervolle Rücksichtnahme und den so schönen Respekt, sowie die Ordnung der Japaner gewöhnt.

 

Joli liest gerade eine Buchreihe die im Japan des 16. Jahrhunderts spielt. Dort werden Ausländer als Gaijin (Ausländer / Barbaren) beschimpft. Das Wort ist heute praktisch verschwunden, jedoch können wir sehr gut nachempfinden, dass die gesitteten und sehr traditionellen Japaner uns Westler als Barbaren bezeichnet haben. Vergleichen wir uns mit ihnen, kommen wir uns manchmal selber etwas barbarisch und zurück geblieben vor. Vor allem was Anstand, Respekt und Rücksichtnahme angeht. Das heutige Beispiel hat es wieder einmal eindeutig bewiesen.

Seilbahn

Weiter gehts mit zwei Seilbahnen auf den Berg hoch. Kurz vor der Bergstation kommen wir über eine Anhöhe, von welcher sich uns ein Wahnsinns Bild bietet. Man sieht den Mount Fuji und hat einen super Weitblick über die Berge und das bei schönstem Wetter. Direkt unter uns qualmt es wie verrückt. An verschiedenen Stellen raucht der Berg und ein intensiver Schwefelgeruch liegt in der Luft. Das Bild zieht uns alle in den Bann. Als nach ca. 5 Minuten die Asiaten in der Seilbahn ganz laut «Ooooh Mt. Fuji» rufen, kriegt Joli fast einen Lachanfall – «Die sehen den erst jetzt?! Was zur Hölle haben die denn jetzt die ganze Zeit über bestaunt?!»

 

Das Wetter ist uns heute erneut gnädig und trotzdem bibbern wir an der Bergstation ein wenig und nehmen gleich die Seilbahn auf der anderen Seite runter, wir wollen an den See.

Piratenschiff

Am See geht es nahtlos weiter. Ein ziemlich grosses Piratenschiff legt in wenigen Minuten ab und bringt uns an die andere Seeseite. Wir sind zusammen  mit ein paar Schulklassen und gefühlten 10’000 anderen Menschen an Bord. Aber wir haben einen Platz am Aussendeck ergattert und geniessen die Sonne.

 

Als das Schiff aber ablegt fängt das grosse Bibbern erst an. Uns peitscht ein eisiger Wind entgegen. Als wir auf der anderen Seeseite ankommen sind wir praktisch festgefroren und entscheiden uns deshalb gleich wieder zurück zu fahren. Wir wissen sowieso nicht, was wir hier besichtigen wollen und bei den steifgefrorenen Beinen können wir uns einen Spaziergang zum Schrein irgendwie nicht vorstellen.

 

Die Fahrt hin und zurück dauert etwas über eine Stunde. Dabei haben wir dafür erneut einen herrlichen Blick auf den Fuji-san und auch die Schreine, welche sich am Ufer im Wasser befinden. Bis fast zum Schluss halten wir die Kälte aus, dann eisen wir uns los und gehen uns im Bauch des Schiffes etwas aufwärmen.

Schwarze Eier

Keine Angst, es ist keine Fortsetzung des blutenden Willi aus Mexiko. Mit Beni ist alles in Ordnung. Naja soweit man jemanden, der schwarze Eier kauft und essen will als «in Ordnung» bezeichnen kann…


Zurück an der Bergstation besuchen wir den Souvenir Shop. Hier entdecken wir dann schwarze Eier, sie sind eine hiesige Spezialität und stehen weit oben auf Benis kulinarischer Liste. Die Eier werden entweder über dem heissen Schwefeldampf geräuchert oder darin gebadet. Beni will sich dies natürlich nicht entgehen lassen und kauft eine 4er Packung. Die Schale ist schwarz, das Ei ist braun, da kann Joli kaum zu schaun! Der Geschmack ist schwer zu beschreiben, salzig, irgendwie wie Maggi oder Soyasosse, keinesfalls schlecht aber auch nicht überaus speziell. Sogar Joli hat es probiert und in die Kategorie «abgehackt» verschoben. Wobei die schwarzen Eier eigentlich schon fast in Ordnung sind vergleicht man sie mit den Sandwiches, welche mit gebratenen Nudeln gefüllt sind…

Gora Park

Auf dem Weg nach unten wollen wir noch einen Garten besuchen. Der Eintritt ist in unserem Ticket inklusive – der Payback ist wichtig. Man muss alles nutzen. Allerdings ist es für einmal kein japanischer Garten sondern ein französischer. Uns gefallen die japanischen Gärten wesentlich besser als die europäischen. Sie sind zwar auch sehr sauber und gepflegt aber wirken irgendwie natürlicher und lebendiger als die in Reih und Glied gepflanzten Blumen, wie wir sie aus unseren Gärten kennen. Deshalb konzentrieren wir uns auch viel mehr auf das wunderschöne Herbstlaub.

 

Made in Switzerland

In den Gondeln entdecken wir dann doch noch eine kleine Hersteller Plakette der Seilbahn. Die Qualität kommt natürlich aus der Schweiz. Aber japanisch sind die Sauerstofffläschchen die es für den Notfall gibt. Ist ja auch ganz schön hoch hier ganze 1438 M.ü.M., dafür überzeugen die Japaner einmal mehr mit ihrer Kreativität (was auch nicht typisch schweizerisch ist). Aber richtig urchig und schweizerisch wird es dafür am Bahnhof, an welchem wir auf den Zug warten. Hier hängen zwei Schweizer Kuhglocken über den Köpfen der Wartenden.

 

Immer wieder erstaunen uns die vielen Sorten Kitkat die es hier gibt. Sogar Sake Kitkat gibt es. Unglaublich.

 

Hier wird übrigens wieder schön in Reih und Glied angestanden. Wir sind ziemlich weit hinten und befürchten schon, dass wir stehen müssen. Natürlich haben wir auch wieder die Tür erwischt wo die Leute noch aussteigen während sie bei den anderen Türen schon einsteigen. Als dann alle draussen sind, zögert der in der vordersten Reihe auch noch, unsicher ob er denn jetzt unaufgefordert einsteigen darf. Joli sagt etwas nervös «Geh!» was die ältere Dame vor uns zum Anlass nimmt ihrer Touristin auf Englisch zu erklären, dass die Amerikaner hinter ihnen gerade ungeduldig «Go!» gesagt haben. Als sie dann im Zug (gegenüber von uns) immer noch über uns angebliche Amerikaner ablästert, erklärt Beni ihr höflich wir seien aus der Schweiz und nicht aus Amerika. Worauf sie dann nichts mehr sagt – hätte ihr auch selber in den Sinn kommen können das «Amerikaner» Englisch verstehen…

 

Kapselzimmer

Zurück zu unserer Kapsel, welche wir anfangs erwähnt haben. Japan ist bekannt für seine Platzprobleme, auch was Hotelbetten angeht. Im ganzen Land gibt es sogenannte Kapselzimmer, welche normalerweise für eine Person Platz bieten und etwa 3m2 gross sind. Es ist ein ähnliches Prinzip wie die Massenschläge in den Hostals, nur das man hier noch weniger Platz aber dafür einen Hauch mehr Privatsphäre hat.

 

Praktisch immer sind es Ein Personen Kapseln und Männer und Frauen sind oft pro Kapselhotel oder mindestens pro Stockwerk getrennt untergebracht. Da wir nicht in verschiedenen Stockwerken und noch weniger in verschiedenen Hotels schlafen wollen haben wir die Chance hier genutzt. Hier wurde eine Kapsel mit Doppelbett angeboten in einem gemischten Kapselraum.

 

Wobei Kapsel ist hier irgendwie falsch. Stellt euch einfach eine Holzkiste von ca. 2 x 2 x 1.5 Metern vor. Wir haben neben unserer 140 x 200 cm Matratze noch ein paar Zentimeter Platz für unsere kleinen Rucksäcke, purer Luxus. Für die grossen Rucksäcke gibt es Schliessfächer. Eine Standartkapsel ist nur noch maximal halb so gross und hat keinen zusätzlichen Platz.

 

Kiste Q ist heute unsere. Decke und Kissen müssen wir dann auch noch selbst anziehen wie Beni, spitzfindig wie er ist, herausfindet. Die weissen Tücher auf der Matratze sind nicht etwa zu dünn geratene Badetücher lieber Beni, nein das sind frische Leintücher, je eines für Matratze und Duvet und zwei für die Kissen. Badetücher kosten extra und unsere sind im Rucksack ganz tief unten, weshalb auch hier das Duschen für einmal ausfällt.

 

Für 70 Franken einmal in einer Holzkiste übernachten und noch das Bett selber beziehen, Beni glaubt es kaum, ja nach den paar Hilton Hotels in den USA ist das hier eine ganz andere Welt. 

 

Joli hingegen findet es geil. Immerhin haben wir das obere Stockwerk bekommen und können über eine Leiter in unsere Kiste kriechen. Die unteren Stöcke kriechen über den Boden rein. Und die Kiste hat eine Lüftung, weshalb sie Benis Vergleich mit einem Sarg beiseite fegt. «Hast du schon mal einen Sarg mit Lüftung gesehen?!» Nein, Joli fühlt sich viel mehr wie die Tiere im Film Madagaskar, als sie in Holzkisten mit dem Schiff verfrachtet werden. Mit dem Unterschied, dass wir kein sanftes Schaukeln zum einschlafen haben und morgen früh wohl immer noch in Hakone sein werden.

 

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