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Nagoya

Madagaskar?

Wie vermutet und erhofft sind wir noch in Hakone und wurden nicht wie die Zootiere nach Madagaskar verschifft. Auch wenn die Verpackung gepasst hätte. Die Nacht in der Kapselkiste war in Ordnung, wir haben gut geschlafen. Die vorhandenen Holzkisten waren sehr gut belegt und es war trotzdem sehr ruhig. Vielen Dank an die rücksichtsvollen Mitkapsler für diese Leistung.

 

Wir sind dafür morgens um 6 Uhr so leise wie möglich abgereist um auch niemanden zu stören. Das war auch schon mal anders wir haben auch schon mal morgens gepoltert und uns überhaupt nicht darum geschert leise zu sein, da unsere lieben Mitbewohner in der Airbnb Wohnung mitten in der Nacht nach Hause kamen und herum johlten und sich auch nicht um uns geschert haben. Rache ist Blutwurst! Muahahaha.

 

Gebeamt

Bäääm, mit dem Hikari 503 zischen wir mit 280 km/h über die Schienen in Richtung Nagoya, eine weitere Millionenstadt in Japan. Während Joli am Bahnhof Frühstück besorgt macht sich Beni auf die Jagd die superschnellen Shinkansen Züge, welche durch den Bahnhof zischen zu fotografieren und zu filmen. Wahnsinn mit was für einem Speed die hier durchrasen. In den Shinkansen Zügen sind die Verhaltensregeln der Japaner etwas gelockert. Hier unterhalten sich die Menschen und viele Essen und Trinken in diesen Zügen. Uns soll es recht sein, wir verputzen unser Frühstück wie alle anderen auch im Zug.

Kurz das Gepäck im Hotel abladen, danach gehen wir zurück an den Bahnhof zur Touristeninfo. Hier organisieren wir auch gleich unsere Anreise für unseren Besuch morgen bei Toyota. Auch wollen wir wissen was es hier zu sehen gibt und vor allem wo wir die hiesige Spezialität Unagy (Aal) bekommen.

 

In einem riesigen Einkaufscenter kaufen wir uns einen Strom Adapter für Japan und einen neuen Pol Filter für unsere Kamera. Wer denkt mit den bei uns gängigen Reiseadaptern in Japan seine Geräte benutzen zu können irrt. Wir mussten einmal den Kühlschrank ausziehen (die einzige brauchbare Steckdose) und einmal für einen Adapter im Hotel fragen ansonsten wären wir nicht zu Strom gekommen. Das Problem bei unseren ach so korrekten und sicheren Adaptern ist, das es immer diesen dritten Erdungspol hat. Schön und gut. Jedoch bringt dir der Adapter und auch der doofe Erdungspol nichts, wenn es kein anderes Land interessiert auch Steckdosen zu montieren die über einen dritten Eingang für diesen Erdungspol verfügen. Wir hatten schon in anderen Ländern dieses Problem, allerdings hatten die zum Glück dieselben Pole wie wir in der Schweiz und daher haben wir einfach bei unserem Mehrfachstecker den dritten «überflüssigen» Pol abmontiert und voilà, funktionierte wunderbar. Aber Achtung, lebensgefährlich. Bitte zu Hause nicht nachahmen. Naja in Japan und mit dem Reiseadapter ist es leider nicht ganz so einfach und wir wollen uns nicht darauf verlassen, dass wir immer das Glück haben und mindestens einen dreipolige Steckdose irgendwo im Zimmer finden.

Nagoya Castle

Nach vielen Tempel und Schreinen sehen wir uns zur Abwechslung mal eine Burg an. Also auf Englisch sind die Burgen immer mit Castle (Schloss) übersetzt und auf Deutsch mit Burg. Für uns ist eine Burg und ein Schloss irgendwie nicht dasselbe aber da die SchlossBurgen hier weder wie ein uns bekanntes Schloss noch wie eine Burg aussehen, kann uns die Bezeichnung ja egal sein.

 

Wir kaufen uns das Kombiticket für die Burg und einen Garten, welcher (wie wir im Nachhinein feststellen) etwas weit weg von der Burg liegt. Als wir das Burgareal über den Wassergraben betreten, sehen wir bereits eine kleine Warteschlange um eines der Eckgebäude zu besichtigen. Wir stellen uns an, da wir neugierig sind was es zu sehen gibt. Eine halbe Stunde später sind wir ziemlich enttäuscht wieder draussen. Ganze 29 Minuten haben wir gewartet um für 1 Minute in das kleine Turmhäuschen zu gelangen. Zu sehen gab es dort...nichts. Aus einem Fenster kann man ein gutes Foto der Burg machen, das wars. Die grosse Burg selber war zwar hübsch aber zur Hälfte mit Baugerüsten eingekleidet und betreten konnte man sie auch nicht. Ein ziemlicher Reinfall. Wir schlendern einmal quer durch den Schlossgarten und ziehen dann weiter.

Bus fahren

Mit dem Sightseeing Bus erreicht man bequem den anderen Garten. Dieser Fährt jedoch erst in knapp einer Stunde wieder, das geht uns zu lange. Wir versuchen uns mit den lokalen Bussen zurecht zu finden, was sich allerdings als eher schwierig herausstellt. Wir fragen uns dann bei den überwiegend älteren, wartenden Damen an den verschiedenen Haltestellen durch, bis wir tatsächlich nach drei Bushaltestellen im richtigen Bus sitzen. Also so richtig mit Fragen und Antworten hat es wie üblich nicht geklappt, da wir immer noch kein Japanisch sprechen und selten jemanden finden der Englisch spricht. Zwei Frauen haben sich sehr nett um uns gekümmert und uns geholfen wo ein- und auszusteigen. Die eine Dame ist sogar mit uns bis zum Garten gelaufen. Mega nett, bis wir bemerkten, dass sie sowieso dasselbe Ziel hatte. Wir finden es immer wieder spannend wie Kommunikation auch ohne viele Worte irgendwie funktioniert.

Tokugawa Garden

Ein Highlight heute ist sicherlich dieser Garten. Es gibt hier einen Wasserfall, einen See mit vielen Brücken und Koi Fischen. Viele schmale Wege und die Herbststimmung ist wunderschön, eine kleine Oase mitten in der riesigen Stadt. Auch die Sonne zeigt sich uns, so dass wir über eine Stunde hier sind. Wir finden sogar (nicht zum ersten Mal) noch ein paar einsame Kirschblüten, die wohl entweder noch nicht bemerkt haben, dass der Frühling um ist oder einfach ein enormes Durchhaltevermögen besitzen.

Unagy

Da wir beide gerne Essen und auch gerne Neues ausprobieren, wollen wir die hiesige Spezialität versuchen. Unagy, ist gegrillter Aal auf Reis. Vorsichthalber bestellen wir nur eine Portion und teilen uns diese (liegt vielleicht aber auch am Preis – aalglatt diese Preise hier!). Das Bestellen ist für einmal ganz einfach, wir gehen mit der Bedienung vor die Tür und zeigen ihr im Schaufenster was wir gerne haben möchten. Es finden sich immer wieder Restaurants, welche im Schaufenster alle Speisen künstlich nachgestellt haben. Wir finden das genial. Zum einen weil wir die Sprache nicht beherrschen und zum anderen kann man sich vorstellen was man bekommt, denn oft sieht es dann wirklich genau gleich aus. Zum Aal gibt es eine Anleitung auf Englisch wie man ihn geniesst. Trotzdem, wir sind nicht übermässig begeistert. Es schmeckt für uns wie ein Stück fettiger Fisch mit Reis, eher ziemlich langweilig und unspektakulär. Als zweite Runde verputzen wir im Restaurant daneben eine Portion Curry Reis mit Poulet. Etwas besser und nur halb so teuer.

 

Erdbeben

Am Abend im Hotel erleben wir nach Costa Rica unser zweites Erdbeben. Dieses fühlt sich etwas stärker an und dauerte auch einiges länger. Aber auch dieses Mal scheint ausser uns niemand einen Hauch von Interesse daran zu haben. Es ist näher als das letzte und auch stärker und da wir uns auf einer Insel mitten auf Meer befinden, geht uns kurz der Gedanke an eine Tsunami durch den Kopf. Aber danach liegen wir gemütlich ins Bett, schauen einen Film und vergessen, das Ganze schnell wieder. Da müssen wir uns jetzt wohl einfach daran gewöhnen.

Toyota Werk

Nur gerade einen Steinwurf von Nagoya entfernt liegt die Stadt Toyota. Also eigentlich gehört diese Teil praktisch noch zu Nagoya und trotzdem sind wir 2 Stunden unterwegs um dorthin zu gelangen. Hier besuchen wir den gleichnamigen Autohersteller, Toyota.

 

Bereits vor Wochen haben wir uns angemeldet um heute eine Werksbesichtigung zu erhalten. Just in Time, Lean Production und Fliessfertigung sind nur ein paar Begriffe, welche Benis Logistiker Herz schneller schlagen lassen. Die Tour ist in Englisch, dauert etwa 2.5 Stunden und ist kostenlos, vielen Dank an die Firma Toyota hierfür.

 

Unser erster Zug hat Verspätung wodurch wir vor lauter stressen völlig vergessen ein Ticket für die private Linie nach dem Umsteigen zu lösen. Mist, nun sitzen wir hier im Zug ohne Tickets, wenn die hier genau so wenig Spass verstehen wie bei uns wird das teuer. Aber alles kein Problem wie sich herausstellt, wir bezahlen beim Ausgang den normalen Fahrpreis am Schalter und laufen den Rest zum Toyota Gelände.

 

Das ÖV System in Japan ist super. Man kann gar nicht schwarzfahren, kann auch nicht versehentlich vergessen zu zahlen und sie brauchen auch keine Ticketkontrollen, denn ohne Ticket kommt man gar nicht aufs Perron oder dann zumindest nicht mehr raus. Vielleicht wäre das eine Überlegung für unser System zu Hause? Die Ausgaben wären sicherlich bald gedeckt, mit dem Geld, dass dann die notorischen Schwarzfahrer neu auch bezahlen müssten.

Wir sind nun im Toyota Showroom. Hier werden wir freundlich begrüsst und erhalten erste Anweisungen zu Verhaltensregeln auf der Tour. Leider ist es nicht erlaubt während der Tour Fotos zu machen. Wir haben aber noch über eine halbe Stunde Zeit den Showroom zu erkunden. Hier gibt es ein paar coole Sachen zu sehen und zu machen, wir sind problemlos beschäftigt bis es losgeht.

Mit dem Bus fährt man uns dann zu einer der Produktionshallen. Während der Fahrt erhalten wir viele Infos zur Toyota Firmengeschichte.

 

Warenlogistik

Der Rundgang führt uns hoch oben im Hallendach über die gesamte Produktion hinweg. Als erstes überqueren wir den Wareneingang, welcher alleine etwa so gross wie ein Fussballfeld ist. Auffallend, es gibt weder Karton, noch Holz geschweige denn individuelle Verpackungen zu sehen. Alles läuft hier über Kanban und Pendelgebinden zwischen Toyota und seinen Zulieferern. Neben bemannten Versorgungszügen, welche das Material vom Wareneingang direkt an die Produktionslinie bringen verkehren auch einige führerlose Transportsysteme durch die Hallen. Kleine Roboterfahrzeuge, welche selbständig von A nach B fahren, quasi wie ein Tesla Auto.

 

Produktion

Die rohen Auto Chassis laufen ganz langsam über ein Fliessband, mit welchem die Arbeiter sozusagen ein paar Meter mitfliessen. In dieser Zeit werden an den einzelnen Abschnitten immer die gleichen Teile am Auto eingebaut. Danach gehen die Arbeiter die Strecke zurück und beginnen wieder von vorne. Das erstaunliche hierbei ist die Logistik; die richtigen Teile zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben. Auf diesem Fliessband gleicht kein Auto dem nächsten. Naja auf den ersten Blick schon, es ist ja das gleiche Modell, aber jedes Auto wird direkt nach Kundenwunsch gebaut. Wenn gerade noch ein Schwarzes Armaturenbrett in ein blaues Chassis montiert wurde ist das nächste ein braunes Armaturenbrett in einem roten Auto. Und diese perfekte Abstimmung der Prozesse ist verblüffend.

 

Arbeiter

Wir sehen die 8000 Mitarbeiter in dieser Halle in voller Aktion. Das Tempo, welches das Fliessband vorgibt lässt keine Fehler zu, es scheint zwar langsam aber das Tempo der Arbeiter ist immens hoch. Alle Handgriffe müssen sitzen um nicht in Verzug zu kommen. Wir beobachten wie einem Mitarbeiter zwei kleine Teile auf den Boden fallen. Beim Aufheben knallt er unglücklich in den Mitarbeiter gegenüber, welcher quasi Synchron die gleichen Arbeitsschritte an der anderen Seite ausführt. Beiden kommen kurz aus dem Konzept. Wertvolle Sekunden verstreichen und dann scheint es als ob jemand ein Zeitraffervideo abspielt. Mit einem unglaublichen Tempo gelingt es den Beiden den Rückstand in ein paar Sekunden voller Hektik aufzuholen. Eine solch getaktete Produktion ist faszinierend und etwas bedenklich zugleich. Da bleibt unmöglich Zeit für einen kleinen Schwatz mit dem Gegenüber oder sonst eine Verschnaufpause. Da überlegst du dir zweimal ob du dich am Arsch kratzen willst oder es lieber jucken lässt. Im zwei Schicht Betrieb ist pro Schicht eine Stunde Mittag und einmal 15 min Pause vorgegeben. Die Schichten sind von 05:00 bis 16:00 und von 15:00 bis 01:00. Das muss man sich mal vorstellen?! 

 

Qualität

Quality First, ein Motto mit welchem viele Firmen werben und sich doch nicht wirklich daran halten. Toyota versteht hier keinen Spass. Und uns fällt auf, dass andauernd ein lustiger, fröhlicher aber nach Stunden wohl nervtötender Song läuft. Zur Unterhaltung? Nein, dieser Song geht immer dann los, wenn jemand auf dem Band den Alarm drückt, weil etwas nicht so läuft wie es soll. Das kommt faszinierend oft vor und trotzdem laufen die Bänder weiter und weiter – für einen Stopp braucht es ein sehr grosses Problem, meint unser Guide. Was dann wohl für Musik läuft? Es funktioniert so: wenn irgendwo bei der Montage eine Schraube klemmt oder ein Teil falsch oder fehlerhaft ist, kann der Mitarbeiter einen Knopf drücken, welcher das Fliessband verlangsamt und den Vorarbeiter zum Problem sprinten lässt. Gelingt es den beiden das Problem innerhalb des verlangsamten Fliessbandprozesses zu lösen fliesst die Linie weiter. Gelingt dies nicht, wird das Fliessband und somit die gesamte Produktion angehalten. "Line Down" und zwar so lange bis das Problem behoben ist. Da nimmt man bereits jeden Lieferanten und die eigenen Mitarbeiter in die Pflicht ausschliesslich Qualität zu liefern, denn sowas wird teuer.

Roboterstrasse

Sehr eindrücklich ist das etwa 20 Meter lange Stück Fliessband, an welchem über 30 Roboter gleichzeitig an 4 Chassis die Schweissarbeiten ausführen. Die Roboter bewegen sich mit einer Präzision und Geschwindigkeit, es ist unglaublich. Die Funken fliegen und man hat wirklich das Gefühl die Roboter stehen gleich auf und gehen wie ein Terminator auf uns los. Haha zu viele Filme gesehen? Nein aber wirklich. Es sieht aus wie ein synchroner Tanz metallener Giganten und dazu sprühen Funken durch den ganzen Raum. Wir stehen, da wie kleine Kinder mit offenen und staunenden Mündern und verpassen fast den Anschluss an die Tour.

 

Zahlen & namen

Übrigens die Produktion eines Fahrzeug vom Schweissen des Chassis bis zur Qualitätskontrolle ab Fliessband dauert nur 18 Stunden. Nur in dieser Fabrikhalle arbeiten 8000 Arbeiter, weltweit sind es rund 370'000. Toyota gehört zu den grössten Autoherstellern der Welt. Der Name Toyota kommt übrigens vom Gründer Sakichi Toyoda. Es wird mit T statt D geschrieben, weil es einfacher auszusprechen ist und weil es in der japanischen Schrift mit 8 Strichen geschrieben wird (bei D sind es mehr oder weniger, dass wissen wir nicht mehr genau) und 8 eine Glückszahl ist in Japan.

 

Danke Toyota, das war ein sehr interessanter Rundgang.

 

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