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Kanazawa I

Nach der Toyota Besichtigung haben wir einen Zug direkt nach Kanazawa reserviert, Dauer 3 Stunden. Eigentlich easy doch Houston, wir haben ein Problem (haha immer noch zu viele Filme im Kopf). Japan ist nicht überall Weltklasse, in den Zügen zum Beispiel gibt es keine Gepäckabteile. Und diesmal bringen wir unsere grossen Rucksäcke nicht in die Ablage über unseren Köpfen. Scheisse aber auch. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir quetschen uns mitsamt Gepäck irgendwie auf unsere Plätze, das wird lustig für drei Stunden.

 

Nach einer Stunde werden wir an einem Bahnhof auf einmal von den anderen Passagieren um uns herum gebeten aufzustehen. Wir verstehen den ganzen Trubel anfangs nicht bis uns durch das viele Gestikulieren der Japaner plötzlich ein Licht aufgeht. Alle Sitzreihen werden hier per Fussknopf in die neue Fahrtrichtung umgedreht. Bis wir verstanden haben was die von uns wollen verging eine gefühlte Ewigkeit. Der Japaner fährt anscheinend nicht gerne rückwärts, anders ist dieses Phänomen nicht zu erklären. Wir hätten nicht einmal bemerkt, dass der Zug in eine andere Richtung fährt, zumal es draussen schon dunkel ist. 

 

Ryokan

Um sieben Uhr abends kommen wir in unserem Ryokan an. Ein Ryokan ist ein japanisches Gästehaus, das nach alten Traditionen eingerichtet ist. Die Zimmer sind sehr spartanisch möbliert. Der Boden ist mit Tatami Matten (Reisstroh Matten) ausgelegt und die Fenster und Trennwände sind aus Reispapier. Wir haben aber trotzdem ausserhalb der Trennwände noch normale Fenster und eine abschliessbare Tür.

Es gibt einen kleinen Tisch mit zwei Sitzkissen und zwei ca. 10 Zentimeter hohe Futons (Schlafunterlagen) am Boden, welche als Bett dienen.

 

Bei der Ankunft werden als erstes noch an der Haustüre die Schuhe ausgezogen und man erhält Hauschuhe. Aber Achtung: um die Toilette zu benutzen müssen diese Hausschuhe gegen Toiletten Schuhe getauscht werden. Der Sohn der Besitzerin erklärt uns alles auf Englisch und wir fühlen uns bei der Führung durch das Haus etwas in der Zeit zurückversetzt. Auffallend, unser Zimmer hier ist fast doppelt so gross wie die bisherigen. Im Schrank hängen japanische Kimono Bademäntel, in welche wir sogleich schlüpfen um amüsiert ein paar Fotos zu machen. Wer hat Son-Gokus Kamehamehaaaa besser drauf? Beni oder Joli? 

 

Noch nicht einmal richtig angekommen stürzen wir uns gleich in das private Dampfbad im Keller, das Onsen. Am Eingang hängt eine Anleitung zu den Verhaltensregeln und Vorgehensweise. Zuerst müssen wir uns gründlich Duschen. Hierfür gibt es kleine Plastikstühlchen. Man duscht hier im Sitzen, aufstehen gilt als grober Fauxpas. Danach darf man das Bad betreten.

 

Eine sehr lustige Angelegenheit. Wir haben das Onsen für uns alleine. Normalerweise sind öffentliche Onsen Geschlechter getrennt, hier dürfen wir zusammen rein und solange wir hier sind darf auch sonst niemand rein. Optimal um das einmal auszuprobieren. Obwohl wir alleine sind halten wir uns an die Regel sitzend zu Duschen – eigenartig.

 

Ins Wasser dürfen keine Kleidung oder Badetücher. Ein kleines Badetuch legt man sich auf den Kopf um den Schweiss abzutupfen, welcher nicht ins Wasser tropfen soll. Etwas später im Zimmer servieren wir uns eine Runde Tee bevor wir müde in die Betten kriechen, respektive uns auf unsere Matten legen. Übrigens kniet man auf dem Boden um den Tee zu trinken, man sitzt nicht. Unsere Knie protestieren lautstark mit quietschen und knacken und wir ächzen wie zwei alte, rostige Klapperkisten.

Beni brummelt vor dem Einschlafen: «So teuer und dann muss ich auf dem Boden schlafen und knien, das ist doch nicht normal…»

 

Omi-Cho Markt

Wir haben beide ziemlich gut und lange geschlafen. Joli findet die Matten sehr bequem, für Beni sind sie dann doch einen Tick zu hart, respektive zu dünn. Noch etwas verschlafen steuern wir um 10 Uhr morgens den hiesigen Fischmarkt an. Dieser Markt gilt als der kleine Bruder vom Tokio Fischmarkt, welchen wir ausgelassen haben. Aber auch hier geht noch ordentlich die Post ab. Da werden haufenweise Krebse, Fische, Muscheln und alles was das Meer so hergibt feil geboten. Wir sehen so viele unbekannte «Dinge», welche wir noch nie zuvor gesehen haben. An diversen Ständen wird der frische Fang gleich vor Ort zubereitet oder roh serviert. Eigentlich ist es uns viel zu früh für Fisch, aber wir kaufen uns dann doch zwei Spiesschen mit frisch grilliertem Fisch und Muscheln und lassen sie uns schmecken. Also wir gehen auf jeden Fall davon aus, dass wir Fisch und Muscheln gegessen haben, so genau kann man das nie sagen. Um Seeigel zu probieren oder uns den Fischaugen oder der komischen hirnähnlichen Masse zu nähern ist es uns aber definitiv zu früh. Die Seegurken sehen zwar irgendwie nicht übel aus, sind aber preislich Jenseits von Gut und Böse! Auf dem Markt sind so viele Menschen unterwegs, dass wir nach einer halben Stunde weiter ziehen.

 

Kanazawa Castle

Einen Spaziergang vom Markt entfernt biegen wir in den Park der hiesigen Burg ein. Eine ziemlich weitläufige Grünanlage, in welcher wir das perfekte Wetter geniessen. Trotz der Sonne ist es aber manchmal ein wenig kalt heute, der Winter steht definitiv auch hier vor der Türe. Das innere der Burg lassen wir heute aus. Wir haben uns bei der Kasse erkundigt was es denn zu sehen gibt, worauf wir zwei Bilder gezeigt bekommen mit dem Hinweis; «kein Museum». Es ist wie wir vermutet haben. Im Inneren steht man in einem grossen, leeren Holzgebäude, ohne alles und friert sich wie üblich die Füsse ab. Das lassen wir heute für einmal sein. Geld gespart und weiter ziehen.

 

Kenrokuen Garden

Gleich nebenan befindet sich mit dem Kenrokuen einer der schönsten Gärten Japans. Wird wohl wirklich so sein, denn die Warteschlange vor dem Kassenhäuschen ist jedenfalls unübersehbar und gigantisch lang. Nach 10 Minuten sind wir jedoch schon drin, denn die Japaner arbeiten einfach extrem effektiv - in Südamerika hätten wir bei so einer langen Schlange locker 30 Minuten gewartet. Der erste Eindruck zählt ja bekanntlich, leider ist er hier nicht gerade überzeugend. Wir können vor lauter Menschen den Garten kaum sehen. Und wenn man dann was vom Garten sieht, ist das was man sieht eher lauwarm.

 

Beni ist sichtlich konsterniert ab den Menschenmassen und braucht etwas Zeit diese auszublenden. Joli, le petit photographe, legt von Beginn an los wie die Feuerwehr und findet deutlich mehr gefallen an dem Garten. Einzig die komischen Seilkonstruktionen über den Bäumen und Büschen findet sie irgendwie störend. Wir spekulieren, dass diese zum Schutz der Bäume vor starkem Schneefall gedacht sind und haben recht – juhuuu.

 

Siehe auch Wikipedia – Yukitsuri. Früher hätte man sich eine Notiz gemacht und irgendwann vielleicht ein Lexikon hervorgeholt und nachgeschlagen was es bedeutet oder es einfach vergessen. Heute fragt man einfach Google oder Wikipedia (Kenrokuen Garten Seile über den Bäumen) wenn man etwas nicht weiss und erfährt alles innert Sekunden, damit man es allen auf die Nase binden kann, so wie wir euch gerade. Wir sind nicht sicher ob uns die moderne Version wirklich so gut gefällt. Einfacher ist es auf jeden Fall – aber muss man denn wirklich immer alles wissen?! Naja wir haben uns immerhin zuerst Gedanken gemacht und erst danach gegoogelt. Ein bisschen eigenes Denken und Fantasie haben wir uns zum Glück bewahrt.

 

Farbenspiel

Dann erreichen wir einen Teil des Garten, welcher so faszinierend ist das er einem fast alles um sich herum vergessen lässt. Sogar Beni greift nun zur Kamera und macht fleissig Fotos. Hier stehen noch viele japanische Ahornbäume, bei welchen die Blätter ein unbeschreibliches Farbenspiel zeigen. Fasziniert und beeindruckt zugleich sind wir eine gefühlte Ewigkeit hier bis wir fast die Nackenstarre bekommen. Dann werden wir unsanft weiter getrieben.

 

Denn der Garten wird sogar von geführten Touren, welche mit Lautsprecher ihre Touristen beschallen, besucht. Beni schüttelt nur den Kopf und lässt sich auf seinem Stimmungstiefpunkt zu diesem Schnappschuss hinreissen (Bild 4). Beni fotografiert generell gerne die Menschen, die alles fotografieren anstatt das Objekt der allgemeinen Begierde.

 

Der Garten ist riesig gross und wunderschön, dass ist unbestritten und die herrlichen Herbstfarben tragen viel dazu bei, dass wir staunend umhergestreift sind. Aber wie so oft nehmen die Menschenmassen, die lauten Gespräche, die herumschreienden Leute, Touren und rempelnde Smartphone (mit oder ohne Selfiestick) Fotografen (bei Joli ganz oben auf der Liste der schwarzen Schafe) viel von dem Zauber weg, den ein solcher Ort versprühen könnte.

 

Samurai District

Noch ziemlich berauscht von den vielen Farben machen wir uns auf die Spuren der Samurai zu entdecken. Vor allem Joli interessiert sich hier ausnahmsweise sehr für Kultur und Geschichte, was wohl an den vielen Büchern liegt, die sie verschlingt und verschlungen hat und die viel des früheren Japans erzählen.

 

Im Samurai Viertel schlendern wir durch enge Gassen, gesäumt von herrlichen Häusern und schauen uns ein Haus einer Samurai Familie an. Beim Spaziergang durch diese Gassen fühlen wir uns etliche Jahre zurückversetzt. Das Samurai Haus ist wunderschön erhalten und zeigt den gehobeneren Lebensstil der Samurai. Die Räume sind, wie in unserem Ryokan, spartanisch gehalten, der Garten jedoch ist ein kleines Paradies.

 

Bild 1 passt nicht so ganz. Aber wir sind fasziniert von dem Schild. Da hatte wohl jemand eine ungefähre aber nicht wirklich konkrete Geschäftsidee für ein Restaurant…

 

Japanische Küche

Das nächste Aufeinandertreffen mit der japanischen Küche steht an. Unsere Gastgeber haben uns eine Liste mit Restaurants ausgehändigt. Ziemlich cool, das erspart uns lästiges Suchen. Schnell steht fest, heute gibt es Udon Nudeln. Wir lieben Udon Nudeln. Das Restaurant ist wunderschön, im alten Stil gehalten und wir werden sehr freundlich empfangen. Hier ziehen wir zum ersten Mal in unserem Leben in einem Restaurant die Schuhe aus. Der Grund ist derselbe wie im Ryokan, die Tatamimatten am Boden, welche geschont werden sollen.

 

Wir werden an unseren Platz gewiesen an welchem man sozusagen auf dem Boden sitzt und die Füsse «im Keller» unter dem Tisch sind. Der Tisch hat vier Löcher, welche wie kleine Rechaud aussehen. Die Karte ist glücklicherweise in Englisch und die Bedienung spricht etwa gleich viele Wörter Englisch wie wir Japanisch.

 

Als erstes gibt es einen heissen Tee und ein kleines zuckersüsses Amuse-Bouche. Dann werden zwei Schalen gebracht. Eine mit Suppe zur Vorspeise und die andere mit einer noch kalten Suppe mit frischen Udon Nudeln, Pilzen und Gemüse drin.

 

Die Anleitung in Englisch wie wir vorgehen müssen gibts praktischerweise gleich dazu. Jetzt wissen wir wie sich Japaner beim Fondue Essen in der Schweiz fühlen müssen, etwas überfordert. Die Bedienung ist sehr bemüht und schaut regelmässig bei uns vorbei, wahrscheinlich auch um sicherzugehen das wir die Bude nicht abfackeln mit den Rechauds. Dabei gibt sie uns immer wieder gestikulierend Anweisungen wie was gemacht oder gegessen wird. Es macht Spass. Während die Udon Suppe kocht, geniessen wir die Miso Suppe und den Rindfleisch Topf auf Reis. Alles ist äusserst lecker, die frischen Zutaten haben überragende Geschmäcker. Bei den Pilzen schmeckte man regelrecht den Wald beim Verzehr. Keine Ahnung ob das jetzt gut oder schlecht ist, uns hat es auf jeden Fall sehr gut geschmeckt und wir sind um eine kulinarische Erfahrung reicher. 

 

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