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Ho Chi Minh

Ökologischer Plattfuss

Wir fliegen nach Ho Chi Minh anstatt den Bus für 12 Stunden zu nehmen. Wir sind uns bewusst das dies ein ökologisches Desaster ist und uns bleibt nichts anderes übrig als hier dazu zu stehen. Als Ausgleich planen wir dafür auf unserer nächsten Weltreise bestmöglich aufs Fliegen zu verzichten, aber dazu ein anderes Mal. Zudem ist Joli überzeugt, dass die Busse hier nicht weniger zur Umweltverschmutzung beitragen, bei den Abgasen, welche die rauslassen!

 

Beim Check In wird Joli ganz unverblümt gefragt ob sie schwanger sei, was sie etwas irritiert, mit einem kritischen Blick auf ihren Bauch, verneint. Beni hat den Braten (der zum Glück nicht im Ofen ist) gleich gerochen und freut sich auf die Plätze beim Notausgang. So ist es dann auch, mit so viel Beinfreiheit sind wir noch nie geflogen. Als die Flugbegleiterin uns mit dem Notausgang vertraut macht überlegen wir kurz ob wir sie vielleicht auch mit Beni's Flugangst vertraut machen sollten, aber das lassen wir dann doch lieber sein.

 

Wir wollen während dem Tet Fest (chinesisches Neujahr) in Ho Chi Minh bleiben, in der Hoffnung, dass hier vor, während und nach dem Neujahr am 4. Februar etwas mehr los ist als in kleineren Städten. Denn alle Familien feiern zusammen und für Touristen gibt es in dieser Zeit oft nicht viel zu tun, denn es ist das wichtigste Fest in Vietnam.

 

Bui Vien - Backpackerstreet

Ho Chi Minh City oder auch Saigon hat bereits den dritten Namen. Früher hiess die Stadt Prei Nokor (Dorf im Wald – Khmer Sprache) wurde danach in Sài Gòn (vietnamesische Übersetzung) umbenannt und heisst heute (seit 1976) Ho Chi Minh, nach dem nordvietnamesischen Staatschef. Faszinierend ist, dass die Stadt bereits 1976 umbenannt wurde, also lange vor unserer Geburt, wir aber trotzdem nur den Namen Saigon gekannt haben und eine Weile brauchten um zu checken, dass es dieselbe Stadt wie Ho Chi Minh ist.

 

Da sind wir nun mitten im Herzen von Saigon, gleich um die Ecke der Bui Vien Street. Diese Strasse ist das Backpacker Zentrum der Stadt. Es ist voller Touristen und das Bier kostet wieder das Zwei- bis Dreifache. Es ist laut und dreckig, aber wir setzen uns trotzdem in eine Bar am Strassenrand und geniessen ein lecker Bierchen (zum Normalpreis, da in einer Nebengasse der Backpackerstreet) während wir dem Trubel an unserem ersten Nachmittag hier zuschauen. Aber ganz ehrlich mit Hanoi kann Ho Chi Minh leider nicht mithalten. Die Stadt ist viel moderner und es gibt nichts Vergleichbares wie das Old Quarter in Hanoi. Die wuseligen, mit Strassenständen und Rollerfahrern überfüllten kleinen Gassen sucht man hier vergebens.

 

Was man jedoch überall antrifft und in den zweifelhaften Genuss davon kommt ist Karaoke. Auch die Südamerikaner und Japaner lieben es und in Taiwan haben wir es hie und da gehört aber Vietnam übertrifft alles bisher Dagewesene! Die Menschen sitzen auf der Strasse oder vor dem Haus, riesige Boxen sind aufgestellt und bei guter Gesellschaft und Bier wird kräftig in das Mikrofon gedudelt. Manchmal laufen sie auch mit den Boxen auf einem Wägelchen durch die Strassen und trällern gehend vor sich hin. Karaoke: überall, zu jeder Zeit und immer in voller Lautstärke.

 

Kriegsmuseum

Die erste Nacht war überraschenderweise sehr ruhig und wir sind kurz nach 9 Uhr bereits unterwegs. Frühstück fällt leider flach, da wir nichts passendes finden, was sich etwas später noch als Glücksfall erweist. Mit einem Taxi gehen wir heute als erstes in das Kriegsmuseum. Der Eintritt ist mit weniger als 4 Franken günstig für ein Museum. Wir haben keine grossen Erwartungen - wie spannend kann so ein Museum schon sein? -aber es gehört quasi zum Pflichtprogramm in Vietnam.

 

Im Park, dem Eingansbereich zum Muesum, stehen neben ein paar Panzern auch Flugzeuge und Helikopter aus dem  Vietnamkrieg. Insbesondere einer der Helikopter ist riesig, man glaubt kaum das sowas fliegen kann. Im 3 stöckigen Gebäude sind dann zahlreiche Waffen, Bomben und alles was der Mensch in seiner Geschichte zum Töten so brauchte und immer noch braucht, ausgestellt. So weit so gut, ungefähr was wir erwartet haben. Aber dann wird’s echt heftig.

 

Anhand hunderter Fotografien wird hier das Resultat des Gebrauchs dieser Waffen hemmungslos zur Schau gestellt. Die Bilder und Geschichten dieser Kriegsfotografen sind schockierend und liegen uns extrem schwer auf. Die Bilder sind so gnadenlos wie die Taten die sie zeigen. Die schonungslose Gewalt gegen Unschuldige rührt uns beinahe zu Tränen und bereitet uns Übelkeit, weshalb wir mittlerweile froh sind, nichts gegessen zu haben. Es sind sehr schlimme, schockierende Bilder, welche wir hier zu sehen bekommen. Von Bomben zerfetzte Körper und Körperteile, welche von Soldaten spasseshalber wieder zusammengelegt wurden über Hinrichtungen von ganzen Familien, Folter und Soldaten die mit ihren toten Opfern posieren. Uns kommt wirklich fast das Kotzen - sorry für die Wortwahl aber alles andere wäre geschönt. Unfassbar wie grausam unsere Spezies ist und wie fürchterliche Dinge Menschen einander antun können. Nicht das wir das nicht gewusst hätten, aber es bildlich zu sehen ist doch nochmals etwas ganz anderes. Schaudernd verlassen wir die Ausstellung der «Kriegsverbrechen» und denken, dass es schlimmer wohl nicht mehr kommen kann.

 

Aber es kommt schlimmer. Wir betreten die Ausstellung «Nachwirkungen des Agent Orange». Agent Orange ist ein chemisches Entlaubungsmittel, dass von den USA im Krieg grossflächig eingesetzt wurde und mit TCDD (Tetrachlordibenzodioxin) verunreinigt war. Nebst grossen Schäden für Tier- und Umwelt, hat es unfassbare Nachwirkungen auf die Menschen gehabt die dem Wirkstoff ausgesetzt waren und das bis zur heutigen Generation (vier Generationen später).

 

Die unfassbaren Missbildungen, welche auf diesen Fotos gezeigt werden scheinen aus Horror- und Science Fiction Filmen zu entstammen – jetzt haben wir eine Ahnung vorher die Macher solcher Filme wohl ihre Ideen haben – scheusslich! Die Kinder der Agent Orange Opfer kommen teilweise bis heute mit schweren Missbildungen zur Welt. Man sieht auf den Fotos Menschen ohne Augen, mit drei Augen, mit drei oder vier Armen oder Beinen, mit so deformierten Köpfen, dass man es kaum fassen kann hier das Bild eines Kindes anzuschauen. Wir sehen riesige Arme oder Beine an kleinen Kinderkörpern, schreckliche Verkrümmungen. Es sind Bilder des Grauens.

 

Ein nicht weniger trauriger Abschluss sind die Zeichnungen von vietnamesischen Kindern im Alter von 9-14 Jahren. Die Erlebnisse, welche diese Kinder aufs Papier zeichneten und die Fotos, die wir gesehen haben, lassen uns einmal mehr an unserer Spezies zweifeln. Das Adjektiv «menschlich» bekommt eine ganz andere Bedeutung. Wir haben als erstes Foto ein Bild raufgeladen, das Joli schon länger super findet, weil es so unverblümt die Wahrheit sagt (gefunden auf Google, danke dem Ersteller!)

 

Ziemlich aufgewühlt verlassen wir das Museum und schauen uns ein paar weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt an. Dabei kommen wir an der «Notre Dame» Kathedrale und dem Postamt vorbei. Hier tummeln sich extrem viele Touristen. Hübsch aber nicht wahnsinnig spektakulär. Da uns jetzt doch der kleine Hunger plagt, kaufen wir uns im Seven Eleven ein Eierbrötchen und einen Eistee und schlendern gemütlich in Richtung Nguyen Hue Strasse.

 

Nguyen Hue Strasse

Endlich finden wir die vielfach gerühmten Blumendekorationen, welche scheinbar jede Stadt zum chinesisches Neujahr (in Vietnam Tet Fest) verschönern. Die ganze Strasse ist für Fahrzeuge gesperrt und gesäumt von Blumen und Schweinchen. Heute ist der Tag des chinesischen Neujahrs und das Tier des neuen Jahres ist unübersehbar das Schwein. Die Einheimischen kaufen sich für das neue Jahr neue Kleidung und kommen hierher um unzählige Fotos von sich mit den Blumen zu machen. Es ist aber auch wirklich wunderschön gemacht und hier sehen wir auch zum ersten Mal in dieser Stadt sehr viele Securities, welche lustigerweise zum Schutz der Blumen angestellt sind und die Leute wegpfeifen, wenn sie sich den zarten Pflänzchen unsittsam nähern.

 

Bitexco Financial Tower

Heute ist Tag der Extreme, weshalb wir auch gleich noch den 49 Stock des Finanz Hochhauses der Stadt besuchen, welches nur gerade um die Ecke steht. Hoch über der Stadt haben wir einen schönen Rundumblick auf die Umgebung. Etwas ärgern tun wir uns über den bezahlten Preis, denn einen Stock darüber befindet sich ein Restaurant und eine Bar, welche man gratis hätte besuchen können. Also ein Getränk pro Person wäre obligatorisch gewesen, was uns zwar gleichviel gekostet hätte, aber der Payback (wie Beni so gerne sagt) wäre grösser gewesen. Tja man kann halt nicht immer gewinnen.

 

NeujahrsBlues

Lange haben wir überlegt, von wo aus wir wohl das Feuerwerk am besten anschauen können und ob wir es denn schaffen bis Mitternacht auf zu bleiben. Man könnte auf den Tower von wo aus man es super sieht, da es direkt davor in die Luft gejagt wird, aber da waren wir ja schon. Also gehen wir erst einmal nach Hause, denn bis Mitternacht geht es ja noch eine Weile. Als wir einen Blick zu unserem Zimmerfenster rauswerfen können wir rechts herrlich den Financial Tower sehen. Wunderbar, dann schauen wir uns das Feuerwerk von hier aus an, perfekt.

 

Im Gegensatz zu unserem Sylvester sind wir beim chinesischen Neujahr tatsächlich noch wach oder besser gesagt etwas wacher. Allerdings sind wir auch heute im Bett, jedoch nicht schon halb schlafend wie am 31. Dezember. Von unserem Zimmerfenster aus können wir um Mitternacht das Feuerwerk betrachten. Aber ihr werdet es nicht glauben, obwohl er keine zwei Meter gehen und sich nicht einmal anziehen muss, steht Beni nicht auf um sich das Feuerwerk anzusehen, sondern bleibt steinhart im Bett liegen – Faultier! 

 

Viel Schwein im neuen Jahr

Heute ist sozusagen Sonntag und vieles bleibt geschlossen. Schon die Tage vor dem Tet Fest haben wir gemerkt, dass viele Menschen die Stadt verlassen haben um zu den Familien aufs Land zu gehen und vieles war geschlossen. So auch heute. Wir haben uns schon gestern schwer getan ein gemütliches Restaurant zu finden und heute ist es noch schwieriger. Die Wenigen, welche geöffnet haben, schlagen auf die Rechnung gleich noch 10-30% Neujahrs Zuschlag drauf, natürlich ohne vorher darauf hinzuweisen und auf den Strassen wird ordentlich Karaoke gesungen was unsere Ohren zusätzlich quält. Nach dem schweineteuren Kaffee verlassen wir das auserwählte Café fluchtartig, da die Nachbarn uns mit ihrem Katzenjammer die Ohren zu dröhnen.

 

Wir sind nicht so richtig fit, wahrscheinlich macht uns die plötzliche Hitze etwas zu schaffen. Um uns die Zeit etwas zu vertreiben zieht es uns von einem Restaurant zum nächsten. In einem Kaffee erhalten wir zwei kleine Happy New Year Couverts, darin finden wir jeweils eine 2000 Dong Note, also etwa 8 Rappen. Es bringt gemäss Tradition Glück zum Neujahr neue und saubere Geldnoten zu verschenken. Wir sagen Danke und stecken das Geld gerne ein. Sozusagen als kleiner Payback für den Feiertagszuschlag.


Apropos Feiertagszuschlag… In einem ausgedienten Wohnblock (an der Nguyen Hue Strasse, wo heute die Hölle los ist) haben sich über 7 Stockwerke viele Kaffeestuben und Restuarants eingerichtet.  Der Lift kostet 4000 Dong zur Benützung was uns veranlasst trotz der Hitze die Treppe zu nehmen. Ja 15 Rappen sind nicht viel aber man kann es auch übertreiben und für jeden Mist Geld verlangen oder?

 

In den unteren Stockwerken sind keine freien Plätze mehr also geht es weiter in die Höhe. Wir lassen uns in einer gemütlichen Stube nieder und bestellen eine Runde Bier und einen Pfirsich Tee (Schwarztee mit einer Dosenpfirsich drin – lecker). Mit den Getränken kommt auch gleich die Rechnung und der Schock. Aus 90'000 Dong werden mit der frisierten Tet Menukarte und 40% Tet Zuschlag gleich mal 150’000 Dong. Also eine kleine Dose Bier und ein 3dl Tee für 7 Franken, eh nö. Da das Bier noch geschlossen ist geben wir es artig zurück, bezahlen nur die Limo und weg hier.

 

Wir schlendern durch die Gassen heute und auch am nächsten Tag, denn viel mehr gibt es nicht zu tun in diesen Tagen. Die Gassen sind voll mit Menschen, welche draussen sitzen, Karten spielen, Karaoke singen oder wie der verrückte Tourist mit den Kniesocken, irre rumtanzen. Und dann gibt es noch die, die Geld verbrennen – soll auch Glück bringen. Jetzt wissen wir wenigstens, wofür das «Falschgeld», dass man Bündelweise auf den Märkten kaufen kann, gedacht ist.

 

Blumenpark

Am letzten Tag in Ho Chi Minh organisieren wir unseren Transport ins Mekong Delta und besuchen den Stadtpark. Auf den lokalen Bus haben wir keine Lust und ein Taxi ist uns zu teuer. Preislich in der Mitte befindet sich ein Tagesausflug nach My Tho im Mekong Delta. Also buchen wir die geführte Tour und treten einfach die Rückreise nicht an.

 

Danach Essen wir erstmal in einem koreanischen Restaurant unser Frühstück / Mittagessen. Das Essen schmeckt uns sehr gut, die Bedienung jedoch ist gelinde gesagt im falschen Job. Unfähigkeit auf zwei Beinen und das nicht nur bei einer Bedienung sondern bei allen dreien - heieiei. Gestärkt geht es für einen Eintrittspreis von 3 Franken in den Park. Das Geld ist gut investiert, die Parkanlage ist sehr schön geschmückt. Für die Feiertage wurde ein kleiner Rummelplatz für Gross und Klein aus dem Boden gestampft. Im Park verteilt gibt es viele Ausstellungen, von Bonsai Bäumchen über Holzschnitzereien und kleinen Aquarien mit noch nie gesehenen urkomischen Fischen zu Steinfiguren und natürlich Blumen und Schweinchen soweit das Auge reicht. Lustige Musik dröhnt aus Lautsprechern und an Streetfood Ständen findet man von normalen Fleisch bis hin zu Skorpion Spiesschen einfach alles. Wir drehen während zwei Stunden unsere Runden durch den Park, geniessen das schwülwarme Wetter und das leckere Futter.

 

Wir finden es immer wieder faszinierend, was die Menschen hier alles auf der Strasse zubereiten. Wir entdecken einen Herrn, der Waffeln bäckt und ein Anderer fährt seinen Grill mit dem Motorrad spazieren, witzig. Auf dem Rückweg merkt man schon, wie wieder etwas mehr Leben in die Stadt kommt. Es hat mehr Menschen und vor allen viel mehr Verkehr und Roller, die Feiertage sind vorbei und wir können weiterziehen. 

 

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